{"id":2019,"date":"2018-10-03T17:03:53","date_gmt":"2018-10-03T15:03:53","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=2019"},"modified":"2018-10-03T17:03:53","modified_gmt":"2018-10-03T15:03:53","slug":"verschwoerungstheorie-oder-verbloedungstheorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2018\/10\/03\/verschwoerungstheorie-oder-verbloedungstheorie\/","title":{"rendered":"Verschw\u00f6rungstheorie oder Verbl\u00f6dungstheorie?"},"content":{"rendered":"<p>In Sachen &#8222;Eignung f\u00fcr Verschw\u00f6rungstheorien&#8220; steht der Fall Skripal trotz der geringen Prim\u00e4rauswirkung gleichberechtigt neben der Lousitania-Versenkung im 1. Weltkrieg, dem \u00dcberfall auf Pearl Harbour im 2. und 9\/11. Die Zahl der Merkw\u00fcrdigkeiten ist scheinbar unbegrenzt.<!--more--><\/p>\n<p>Skripal war mutma\u00dflich britischer Spion. Bis ca. 2000 war er beim GRU besch\u00e4ftigt, wurde 2004 als Spion des britischen MI6 enttarnt, f\u00fcr den er ab irgendwann in den 1990er Jahren t\u00e4tig gewesen sein soll, 2010 gegen enttarnte russische Spione in Gro\u00dfbritannien ausgetauscht und lebt seitdem in Gro\u00dfbritannien. Im Grunde fangen bereits bei dieser Vorgeschichte die Ungereimtheiten an. Skripals Familie bestreitet den Geheimnisverrat, und es mutet auch merkw\u00fcrdig an, dass ein Verr\u00e4ter vier Jahre vor der Enttarnung die T\u00e4tigkeit niederlegt, aus der heraus er dem Auftraggeber wichtige Informationen beschaffen kann. War er nun Spion oder irgendein Bauernopfer in einem Spiel der Geheimdienste? Wie dem nun sei, zumindest war er so unwichtig, dass sowohl die Russen als auch die Briten nichts gegen den regelm\u00e4\u00dfigen Besuch durch seine Tochter Julia hatten, die weiterhin in Russland lebte.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 2018 wurden Skripal und seine zu Besuch weilende Tochter mit Vergiftungserscheinungen auf einer Parkbank gefunden. Sie waren zuvor mit dem Auto in die Stadt zu einem Restaurant gefahren, hatten dort gespeist und wollten anschlie\u00dfend zur\u00fcck, alles in allem ca. 3,5 Stunden nach Verlassen der Wohnung. Beide \u00fcberlebten die Vergiftung, die einige Tage sp\u00e4ter auf das Nervengift Nowitschok zur\u00fcckgef\u00fchrt wurde. Verschiedenen Medien, die sich auf UN-Experten berufen, behaupten, Nowitschok wirke innerhalb weniger Sekunden bis Minuten. Die beiden m\u00fcssen also in der N\u00e4he der Fundstelle vergiftet worden sein, wenn die Behauptung stimmt (widersprochen wurde ihr nicht).<\/p>\n<p>Nowitschok ist ein bin\u00e4res Gift, d.h. man muss die Komponenten vor dem Einsatz mischen. Das hat einerseits den Hintergrund, dass man die Stoffe gefahrlos transportieren kann, viel wichtiger aus milit\u00e4rischer Sicht ist aber die Stabilit\u00e4t des Stoffes: bin\u00e4re Kampfstoffe sind nicht sonderlich stabil und zersetzen sich, so dass man nach kurzer Zeit wieder an den Ort des Geschehens zur\u00fcckkehren kann, ohne Gefahr zu laufen, selbst vergiftet zu werden. Hier kam es fast 4 Monate sp\u00e4ter allerdings zu einem weiteren Vergiftungsfall, an dem eine Frau starb, wobei es sich angeblich Rest des ersten Giftes handelt. Aber auch hier behaupten verschiedene Seiten, Nowitschok w\u00e4re in \u00dcbereinstimmung mit dem Konstruktionsziel von bin\u00e4ren Kampfstoffen h\u00f6chstens einige Tage bis maximal 2 Wochen stabil und h\u00e4tte sich in 4 Monaten restlos zersetzt. Gleiches Gift, aber eine andere Charge?<\/p>\n<p>Ebenfalls erstaunlich: bereits 3 Tage nach der Einlieferung von Skripal und seiner Tochter ins Krankenhaus identifizierten die Briten das Gift als Mitglied der Nowitschok-Nervengiftgruppe, die von den Russen entwickelt worden war. Genauer sogar, als einen Stoff, mit dem die Russen experimentiert hatten. Die Russen wiederum leugnen die Entwicklung nicht, behaupten aber, das Gift nie einsatzf\u00e4hig gemacht, sondern die Entwicklung eingestellt zu haben. Nowitschok ist nicht in der Liste der chemischen Kampfstoffe aufgef\u00fchrt und daher recht unbekannt.Den Russen wird das als Betrug ausgelegt, allerdings argumentieren die Russen, zur Zeit der Chemiewaffenabkommen w\u00e4re es nicht fertig entwickelt gewesen und man h\u00e4tte es deswegen nicht bekannt gemacht, da die Entwicklung ohnehin eingestellt worden w\u00e4re. Diese Argumentation hat die Logik f\u00fcr sich: wenn man sich mit jemandem \u00fcber die Zahl der Leichen im Keller einigt, dann \u00fcber die Leichen, die der andere kennt, und nicht \u00fcber weitere, bei denen man erst erkl\u00e4ren m\u00fcsste, wie sie gestorben sind. Die Amerikaner und andere k\u00f6cheln mit Sicherheit in ihren Retorten auch auf irgendwelchem Zeug rum, dass sie anderen nicht auf die Nase binden. Die Existenz von Nowitschok kam erst viel sp\u00e4ter durch einen \u00dcberl\u00e4ufer ans Licht.<\/p>\n<p>Das Gift wurde angeblich an die T\u00fcrklinke von Skripals Wohnungst\u00fcr gestrichen und er sowie seine Tochter durch Anfassen derselben vergiftet. Das wiederum passt wenig zu der Geschwindigkeit, mit der das Zeug wirkt. Selbst bei geringen und versp\u00e4teten Wirkungen sollte kaum jemand Lust haben, noch ein opulentes Mal zu sich zu nehmen und anschlie\u00dfend im Park rumzutr\u00f6deln. Also ein weiterer Stolperstein in der Logik.<\/p>\n<p>Wenn ein alter Mann und eine j\u00fcngere Frau mit gleichen Symptomen in ein Krankenhaus eingeliefert werden, d\u00fcrfte es wenige Mediziner geben, die nicht von einer wahrscheinlichen Vergiftung ausgehen. So weit logikkonform. F\u00fcr die richtige Behandlung muss man die Ursache aber erst einmal finden. Nowitschok d\u00fcrfte wohl kaum auf der Liste der verd\u00e4chtigen Stoffe gestanden haben, und die wenigsten \u00c4rzte d\u00fcrften dem Umstand, dass ein Exilrusse und seine Tochter vor ihnen lagen, eine geheimdienstliche Bedeutung zugemessen haben. Noch viel weniger d\u00fcrfte der eine oder andere Kontakte zu Geheimdiensten haben, um den MI6 anzurufen, und die \u00f6rtliche Polizei d\u00fcrfte wohl auch nicht sofort Scottland Yard eingeschaltet haben, wo man solche Beziehungen pflegt. Eigenartiger Weise lag trotzdem schon drei Tage nach dem Vorfall die Expertise eines milit\u00e4rischen Speziallabors vor, die nebenbei durch die Detailkenntnis &#8222;russischer chemischer Fingerabdruck&#8220; verriet, dass man sich in westlichen Milit\u00e4rkreisen mehr als ausgiebig mit diesem angeblich nie und nirgendwo produzierten Stoff besch\u00e4ftigt hatte. Die Russen hatten ihn genauso wie die Briten, Amerikaner und andere. Wie kam man so schnell darauf, die richtigen Proben zu ziehen, um eine solch detaillierte Analyse durch eines der wenigen Labors, die \u00fcberhaupt dazu im Stande sind, durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Und genauso eigenartig ist die ab dem ersten Augenblick richtige Behandlung der Vergifteten. Aus anderen Vergiftungsf\u00e4llen wei\u00df man, dass Nowitschok absolut (!) t\u00f6tlich ist und der Tod durch Behandlung nur hinausgez\u00f6gert werden kann. Immerhin gelten die Opfer inzwischen als genesen, was bei der richtigen Spezialbehandlung mit speziellen Gegenmitteln (allgemeine Mittel wirken angeblich nicht) nicht ausgeschlossen wird, doch ist das Zeitfenster daf\u00fcr nach den bereits zitierten Berichten \u00fcber die Wirkung sehr klein, eigentlich nur wenige Minuten bis Stunden.<\/p>\n<p>Nach ein paar Tagen wusste man in Gro\u00dfbritannien aber nicht nur, wie die Skripals vergiftet wurden, man wusste auch, dass die Russen dahinter standen. Beweise wurden nicht vorgelegt, trotzdem wiesen fast alle westlichen Staaten russische Diplomaten aus. Ein sehr drastischer Schritt im internationalen Ma\u00dfstab. Und das ohne Beweise, wie Merkel &amp; Co behaupten? Gab es wirklich keine, und die Ausweisung erfolgte trotzdem in Treu und Glauben? Oder gab es doch welche, die weiterhin geheim blieben? Egal, wie herum man die Sache betrachtet, das Verhalten der Regierungen ist mehr als eigenartig.<\/p>\n<p>Inzwischen &#8211; viele Monate sp\u00e4ter &#8211; hat man auch die mutma\u00dflichen russischen T\u00e4ter identifiziert. Der lange Zeitraum ist verst\u00e4ndlich, m\u00fcssen doch immense Mengen an Videomaterial und anderen Daten, die das GCHQ sammelt ausgewertet werden, sagt aber, wenn der Verdacht schl\u00fcssig sein sollte, auch schon einiges \u00fcber die Sammelwut der britischen Beh\u00f6rden aus, die Google durchaus Konkurrenz machen. Klar, dass die beiden das abstreiten, auch klar, dass sie das im russischen Fernsehen machen d\u00fcrfen. W\u00fcrde Russland britische Staatsb\u00fcrger beschuldigen, h\u00e4tten die in Gro\u00dfbritannien wohl eine vergleichbare B\u00fchne. Merkw\u00fcrdig, dass nun ausgerechnet halbwegs unbekannte Medien Detail recherchiert haben wollen: die Biografien der beiden w\u00e4ren geheim (ich w\u00fcrde allerdings auch darauf bestehen, dass meine pers\u00f6nlichen Daten von den Beh\u00f6rden nicht jedem Hansel ausgeliefert werden) und ihre P\u00e4sse seien bekannten GRU-F\u00e4lschungen erstaunlich \u00e4hnlich, die beiden mithin GRU-Offiziere, einer im Rang eines Obersten. Das k\u00f6nnte nat\u00fcrlich stimmen, aber wie kommen solche Medien an solche Informationen, die von den Russen geleugnet werden? Selbst ausgedacht? Oder wurden sie vom MI6 mit irgendetwas versorgt, was sie ver\u00f6ffentlichen sollten?<\/p>\n<p>Der GRU steckt nach den britischen Behauptungen hinter den Anschl\u00e4gen. Aus Rache. Weil Skripal ihn vor 20 Jahren verraten hat. Allerdings muss man schon s\u00e4mtliche Teile von Jason Bourne gesehen haben und auch sonst recht schlicht gestrickt sein, um das wirklich glauben zu k\u00f6nnen. Rache? Die Jungs sind Profis und werden sich nicht nach 20 Jahren an einem unwichtigen Typen vergreifen. Und wenn: 2 Kugeln in den Kopf und ein paar Mafia-Spuren legen w\u00fcrde besser passen als etwas so Auff\u00e4lliges wie einen Giftanschlag. Skripal hatte angeblich dunkle Kontakte, also w\u00fcrde das besser passen.<\/p>\n<p>Und welche Rolle spielt Skripals Tochter? Warum gerade bei ihrem Besuch ein Anschlag? Ohne sie w\u00e4re die Gefahr einer Entdeckung oder eines Misserfolges wesentlich geringer gewesen. War sie eine Agentin, und galt der Anschlag ihr? Oder waren beide noch Agenten? Die Russen h\u00e4tten sie viel leichter in Russland aus dem Verkehr ziehen k\u00f6nnen, w\u00e4re sie eine britische Agentin, die Briten h\u00e4tten ihr nur die Einreise verweigern m\u00fcssen, w\u00e4re sie ein russische. Auch hier macht nichts Sinn, und Sinn wird in der Sache leider nicht pr\u00e4sentiert, au\u00dfer einer Rachetheorie, die logisch nicht besser ist als eine beliebige Verschw\u00f6rungstheorie.<\/p>\n<p>Profiteure des Anschlags sind haupts\u00e4chlich die US-Amerikaner. W\u00e4hrend sich die Stimmen mehren, die Sache mit der Krim die Sache mit der Krim sein zu lassen und zwar nichts anzuerkennen, aber jenseits davon endlich zur Normalit\u00e4t zur\u00fcck zu kehren, ist die Trump-Administration an einer Isolierung der Russen interessiert, zumal die Deutschen und in Folge dessen auch die anderen Europ\u00e4er mit Northstream II ihr Gasengagement in Russland ausbauen anstatt deutlich teureres und dreckiges Fracking-Gas aus den USA zu beziehen. Da kommt so ein Anschlag gerade Recht. Die Briten wiederum sind mitten im Brexit gefangen. Ihnen n\u00fctzt der Anschlag direkt recht wenig, aber der Eifer, mit dem sie die Sache verfolgt haben, r\u00fcckt sie n\u00e4her an die USA.<\/p>\n<p>K\u00f6nnten die USA die Drahtzieher dahinter gewesen sein? Die CIA ist daf\u00fcr bekannt, nicht gerade zimperlich zu sein, die Mittel h\u00e4tten sie gehabt, und T\u00f6chterchen Skripal macht bei so einem gefakten Attentat ebenfalls Sinn, kann man mit ihr doch die rechtzeitige Entdeckung sowie den direkten Angriff auf die Tr\u00e4nendr\u00fcsen der Zeitungsleser begr\u00fcnden. Waren sie es, und die Briten sind nach der US-Pfeife getanzt?<\/p>\n<p>Um dem ganzen die Krone der Verwirrung aufzusetzen, schlie\u00dft T\u00f6chterchen Skripal nicht aus, wieder nach Russland zur\u00fcck zu kehren; die russische Botschaft habe ihr entsprechende Unterst\u00fctzung zugesagt. Skripal selbst bezeichnet sich als russischen Exilpatrioten und glaubt nicht, dass Russland hinter dem Anschlag steckt. Laut einem von ihm geschriebenen Buch will er nun doch Geheimnisse verraten, aber nie Kontakt mit einem britischen Geheimdienstoffizier gehabt haben. Was er allerdings verraten haben will, ist so unbedeutend, dass es allenfalls eine Tracht Pr\u00fcgel rechtfertigt, aber keinen heimt\u00fcckischen komplizierten Rachemord. Hat er nun doch etwas verraten? Hatte er (sehr unwahrscheinlich) noch Kenntnisse in der Hinterhand, die gef\u00e4hrlich genug f\u00fcr einen Mordanschlag waren? Oder schreibt er ein Buch nach dem Motto &#8222;was John le Carr\u00e9 kann, kann ich auch&#8220;?<\/p>\n<p>Was also nun? Steckt Russland dahinter? Mit dem einzigen Motiv Rache, zum denkbar ung\u00fcnstigsten Zeitpunkt und mit den denkbar ung\u00fcnstigsten Methoden? Oder die Briten, die kein erkennbares Motiv haben, daf\u00fcr aber alles in gew\u00fcnschter Weise manipulieren konnten, das allerdings unprofessionell mit so vielen Logikl\u00fccken, dass man zwangsweise hineinstolpert? Oder die smarten US-Boys, die mutma\u00dflich ein Motiv besitzen und die genau mit dieser scheinbar dilettantischen Durchf\u00fchrung die gew\u00fcnschte Wirkung erzielt h\u00e4tten? Und wenn letzteres der Fall sein sollte, warum haben die Briten mitgespielt, in einer Weise, die eigentlich nicht der britischen Sorgfalt entspricht? Musste es schnell gehen? Oder war der mutma\u00dfliche Dilettantismus gezielte Strategie, um Zweifel bei Zweiflern wie mir zu wecken? War Skripal ein passenden Opfer, weil er schon einmal Opfer einer britischen Intrige war und nun ein weiteres Mal geopfert wurde, ohne im Inneren der Dienst Loyalit\u00e4ts\u00e4ngste auszul\u00f6sen?<\/p>\n<p>Fassen wir zusammen: ????????????????????????????????, so viele Fragezeichen enth\u00e4lt der Text. Das d\u00fcrfte gen\u00fcgen, den Fall als Kandidat f\u00fcr Verschw\u00f6rungstheorien tauglich zu machen, selbst wenn ich was vergessen habe. Und als Kandidat f\u00fcr Verbl\u00f6dungstheorie von denjenigen, die immer noch kein Fragezeichen entdecken k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Sachen &#8222;Eignung f\u00fcr Verschw\u00f6rungstheorien&#8220; steht der Fall Skripal trotz der geringen Prim\u00e4rauswirkung gleichberechtigt neben der Lousitania-Versenkung im 1. Weltkrieg, dem \u00dcberfall auf Pearl Harbour im 2. und 9\/11. Die Zahl der Merkw\u00fcrdigkeiten ist scheinbar unbegrenzt. 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