{"id":1968,"date":"2018-09-27T08:49:55","date_gmt":"2018-09-27T06:49:55","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=1968"},"modified":"2018-09-29T11:57:13","modified_gmt":"2018-09-29T09:57:13","slug":"eine-kurze-geschichte-der-menschheit-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2018\/09\/27\/eine-kurze-geschichte-der-menschheit-8\/","title":{"rendered":"Eine kurze Geschichte der Menschheit"},"content":{"rendered":"<h5>Kapitel 8: Urspr\u00fcnge der Religion<\/h5>\n<p>Folgt man den Standardvorstellungen, war die Menschheit, Neandertaler und andere Formen eingeschlossen, von vornherein ziemlich extrem religi\u00f6s ausgerichtet. Der durch Funde abgebildete Zeitraum ist zwar begrenzt, aber trotzdem: kleine Steinfig\u00fcrchen &#8211; Abbildungen von <!--more-->Fruchtbarkeitsg\u00f6ttinnen; Schnitzereien auf Horn &#8211; Beschw\u00f6rung von Beute; H\u00f6hlenmalerei &#8211; Beschw\u00f6rung der Tierseele f\u00fcr bessere Jagderfolge; geschnitzte Knochen &#8211; religi\u00f6s-rituelle Entschuldigung beim Jagdopfer; aufgeschlagene Menschenknochen &#8211; rituelle Aufnahme des Toten (diese Funde reichen zum Teil sehr weit zur\u00fcck); versenkte oder vergrabene Tiere &#8211; Opfer an die G\u00f6tter, usw. Kann das eigentlich alles stimmen?<\/p>\n<p>Nehmen wir einmal an, ein Arch\u00e4ologe gr\u00e4bt in einigen Jahrtausenden unsere Hinterlassenschaften aus. Was w\u00fcrde er finden? Wanderst\u00f6cke mit in die Rinde geschnittenen Mustern &#8211; Beschw\u00f6rungsformeln von Waldg\u00f6ttern; W\u00e4nde mit bedruckten Tapeten &#8211; Runen zur Fernhaltung von b\u00f6sen Geistern; Bildern von r\u00f6hrenden Hirschen &#8211; Abbild eines Tiergottes; mit Dollarscheinen bedruckte Klopapierrollen &#8211; Dauergebetsrolle f\u00fcr besonders gef\u00fcrchtete G\u00f6tter, usw.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich Quark. Der Wanderer hat in einer Pause aus lauter Langeweile an seinem Stock herumgeschnitzt, zu Hause soll es nat\u00fcrlich sch\u00f6n und abwechslungsreich aussehen und Dank anderer Gewohnheiten kann der Arch\u00e4ologe nichts mit einem Gebrauchsgegenstand anfangen. Unsere Vorfahren d\u00fcrften ebenfalls oft Mu\u00dfestunden gehabt haben, die sie nicht nur mit D\u00f6sen, sondern ablenkenden Handarbeiten verbrachten und die H\u00f6hle oder H\u00fctte wurde erst einmal wohnlich hergerichtet, wenn man ein paar Tage blieb. Vermutlich werden manche\/viele Fundst\u00fccke tats\u00e4chlich in irgendwelchen Riten Verwendung gefunden aber, aber alles und jedes einem Kult unterzuordnen ist sicher \u00fcberzogen. H\u00f6hlenmalerei kann ebenso nur Geschichten erz\u00e4hlen, zu denen sich der pr\u00e4historische K\u00fcnstler berufen f\u00fchlte. Aufgeschlagene Menschenknochen sind vielleicht auch nur Reste der Verwertung aller zur Verf\u00fcgung stehender Nahrung unter Einschluss der eigenen Artgenossen. Vergrabene oder in Seen versenkte Tiere k\u00f6nnen auch lediglich die Beseitigung \u00fcbersch\u00fcssiger, nicht mehr verwertbarer Jagdbeute sein, um keine R\u00e4uber anzulocken.<\/p>\n<p>Eine \u00dcberraschung erlebten von kurzem Arch\u00e4ologen, die professionelle Spurenleser der San in eine H\u00f6hle mitnahmen, die bis dahin als Kulth\u00f6hle mit allerlei religi\u00f6sen Brimborium galt. Nach Begutachtung der mehrere 10.000 Jahre alten Spuren und kurzer Diskussion waren sich die Spurenleser einig: die H\u00f6hle war eine normale Wohnh\u00f6hle einer Familie mit mehreren Kindern, also nix Kulth\u00f6hle. Selbst die Anzahl der Bewohner und einige der T\u00e4tigkeiten konnten die Spurenleser entschl\u00fcsseln. Nun wird bef\u00fcrchtet, dass man viele der pr\u00e4historischen Vorstellungen umschreiben muss, wenn man solche Leute auch in andere Fundst\u00e4tten mitnimmt.<\/p>\n<p>Nun ist nicht zu leugnen, dass Religion in der dokumentierten Geschichte einen gr\u00f6\u00dferen Raum einnimmt und es bis heute zu regelrechten Exzessen kommt, die mit dem gesunden Menschenverstand nicht zu verstehen sind. Aus dieser Erfahrung ist der \u00fcberzogene Export in die Vergangenheit schon ein wenig verst\u00e4ndlich. Aber wie k\u00f6nnte denn \u00fcberhaupt dieser religi\u00f6se Hang des Menschen entstanden sein? Ist das tief im Innersten festgelegt? Oder handelt es sich um eine Zwangsfolge der Intelligenz, die den unruhigen Geist auf aberwitzige Wege treibt, wenn sonst nichts los ist? Die folgenden Gedanken sind (mal wieder) freie Spekulation. Vielleicht ist was dran, vielleicht war es aber auch ganz anders.<\/p>\n<p>Beginnen wir recht fr\u00fch in der Religionsgeschichte, ohne uns auf eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Menschentyp festzulegen. Es k\u00f6nnte bereits der moderne Mensch sein, es k\u00f6nnte aber auch einen der Vorfahren betreffen, der schon gen\u00fcgend Intelligenz entwickelt hatte, um in Ruhephasen \u00fcber irgendetwas zu sinnieren. Wobei wir aus heutiger Sicht und auch <a href=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2018\/09\/22\/eine-kurze-geschichte-der-menschheit-6\/\">der von Kapitel 6<\/a> aber auch einschr\u00e4nken k\u00f6nnen: der Mensch ist im Wesentlichen ein Nachahmer, kein Erfinder. Die Erfindung Gottes w\u00e4re schon schwierig genug, angesichts der Zeitr\u00e4ume, die wie zu betrachten haben, allerdings keine Unm\u00f6glichkeit. Schwieriger w\u00e4re es schon, die anderen davon zu \u00fcberzeugen, dass ein Glauben Vorteile mit sich bringt. Ein weniger abstrakter Anfang h\u00e4tte vielleicht mehr Aussicht auf Erfolg.<\/p>\n<p class=\"western\">Betrachten wir die Rahmenbedingungen: Der Mensch lebt in sozialen Gruppen, was vorzugsweise erst einmal bedeutet, dass eine Rangordnung in der Gruppe besteht. Anf\u00fchrer ist der, der in der Lage ist, allen anderen was aufs Maul zu hauen. In der Regel ist das eines der mittelalten Gruppenmitglieder, der seine Position auch nur so lange beh\u00e4lt, bis der n\u00e4chste st\u00e4rker ist als er und den Mut aufbringt, den Anf\u00fchrer heraus zu fordern.<\/p>\n<p class=\"western\">Neben der Rangordnung d\u00fcrfte auch ein starker sozialer Zusammenhalt zwischen den Gruppenmitgliedern bestanden haben. F\u00fcr aktive J\u00e4ger besteht immer ein gewisses Verletzungsrisiko, andererseits waren die Gruppen vermutlich zu klein, um sich Verluste leisten zu k\u00f6nnen. Es d\u00fcrfte f\u00fcr die Spezies von Vorteil gewesen sein, verletzte Gruppenmitglieder intensiv zu pflegen und sp\u00e4ter wieder in die Jagdgruppe einzugliedern. Bei schwereren Verletzungen konnten aber durchaus Behinderungen zur\u00fcck bleiben, die eine weitere Verwendung auf der alten Position ausschloss. M\u00f6glicherweise war auch aus Altersgr\u00fcnden irgendwann Schluss mit bestimmten T\u00e4tigkeiten.<\/p>\n<p>Diese gewisserma\u00dfen ausgemusterten Gruppenmitglieder waren trotzdem von Wert f\u00fcr die Gruppe. Sie verf\u00fcgten \u00fcber Erfahrung und konnten sich mit dem Sammeln und Organisieren von n\u00fctzlichen Informationen besch\u00e4ftigen, beispielsweise von Wettersignalen, Verhalten von Tieren zur Verbesserung der Jagderfolge, Heilmethoden bei Verletzungen oder Krankheit, Kenntnisse von Kr\u00e4utern oder Pilzen, Werkzeugherstellung usw., d.h. solche Gruppenmitglieder werden zu Experten und Ratgebern, deren Ansichten man einzuholen pflegte.<\/p>\n<p class=\"western\">Spinnen wir den Faden weiter: Dieses Wissen war f\u00fcr die Gruppen sicher wertvoll genug, um tradiert zu werden. Die Experten werden Sch\u00fcler rekrutiert haben, an die sie das Wissen weiter gaben, darunter auch Wissen, dass den anderen Gruppennmitgliedern nicht zur Verf\u00fcgung stand. Am Ende dieser Entwicklung stehen die Schamanen, und der Rat des Schamanen wurde sicher bei vielen Gelegenheiten eingeholt, was ihn rangm\u00e4\u00dfig neben den Clanchef emporhob. Aber wer hat nun das eigentliche Sagen?<\/p>\n<p class=\"western\">Der Schamane konnte seine Position gegen\u00fcber dem Clanchef verbessern, wenn er daf\u00fcr sorgte, dass er nicht bei Gelegenheit befragt wurde, sondern befragt werden musste. Wenn man sich in die Position des Schamanen versetzt und sich fragt, wie das zu bewerkstelligen sein k\u00f6nnte, landet man unausweichlich bei den gleichen psychologischen Tricks, mit denen die Religionen bis heute arbeiten. Das f\u00e4ngt bei symbolischem Brimborium an. Ein Heiler wird schnell erkennen, dass er die Heilungschancen schon dadurch steigern kann, dass er psychologischen Einfluss durch irgendwelche Riten aus\u00fcbt. Glaubt der Kranke an deren N\u00fctzlichkeit, steigen seine Chancen, und auch heute geht es vielen Kranken ja bereits deutlich besser, nachdem sie mit ihrem Arzt gesprochen haben und bevor behandlungstechnisch ansonsten irgendetwas passiert ist. Wenn Brimborium bei Kranken funktioniert, warum nicht auch bei Gesunden?<\/p>\n<p class=\"western\">Zweckm\u00e4\u00dfigerweise umgibt man sich dabei auch mit einer Aura des Geheimnisvollen. Gegenst\u00e4nde, die man mit sich f\u00fchrt, besitzen pl\u00f6tzlich irgendwelche magischen Kr\u00e4fte. Au\u00dferdem kann man solche Gegenst\u00e4nde auch als Amulette verteilen, was die Empf\u00e4nger wiederum bindet. Wenn solche mitgef\u00fchrt und teilweise mit ins Grab gegeben werden, dr\u00fcckt das noch nicht eine tiefe Religiosit\u00e4t aus: auch heute tragen viele Leute Gl\u00fccksbringer, weil sie sie sch\u00f6n finden und sie ein gutes Gef\u00fchl vermitteln, aber nicht um sie bei jeder Gelegenheit anzubeten, und pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde werden mit in den Sarg gelegt, weil es eben pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde sind.<\/p>\n<p class=\"western\">Nat\u00fcrlich werden auch Schamanen nicht selten am Rande ihrer Weisheit angekommen sein. An der Stelle ist es angebracht, jemand anderem die Schuld f\u00fcr einen Misserfolg in die Schuhe zu schieben, m\u00f6glichst jemanden, den man nicht sieht und zur Rechenschaft ziehen kann. Die Geburtsstunde von Geistern und kleinen G\u00f6ttern, die verschiedenen Gegenst\u00e4nden innewohnen und nicht unbedingt das machen, was die Menschen wollen.<\/p>\n<p class=\"western\">Der letzte Schritt, und da sind wir bereits bei den heutigen Zust\u00e4nden angelangt, ist dann die Vermittlerrolle, die nur der Schamane zwischen Geist und Mensch einnehmen kann. Der Schamane avanciert zum Priester, und das schm\u00fcckende Beiwerk \u2013 G\u00f6tterbildnisse, G\u00f6ttergeschichten, Totenkulte \u2013 kommt mehr oder weniger von alleine. Au\u00dferdem, und das ist das raffinierte an der Gotteskonstruktion, schiebt er die Verantwortung anderen in die Schuhe. Funktioniert etwas, dann deshalb, weil der Priester den Willen Gottes verk\u00fcndet hat und alle ihm gefolgt sind, funktioniert etwas nicht, dann nicht etwa wegen eines Fehlers des Schamanen, sondern weil man gegen Gottes Willen gehandelt hat.<\/p>\n<p class=\"western\">Wir sind nun genau da angekommen, wo das traditionelle Modell mit der Vorstellung einer Naturreligiosit\u00e4t des Menschen auch endet. Der Weg ist aber nicht der des Fragenden, der sich in immer tiefere philosophische Abgr\u00fcnde verliert, sondern viel banaler: Macht. Wer hat in einer Gemeinschaft die Macht? Der weltliche F\u00fchrer? Oder der geistige\/geistliche?<\/p>\n<p class=\"western\">Wenn man sich die dokumentierte Geschichte des Menschen anschaut, ist genau das Thema ein wesentlicher Handlungsstrang. Im europ\u00e4isch-christlichen Umfeld ging es 1600 Jahre lang genau um diese Frage, angefangen beim r\u00f6mischen Kaiser Konstantin, der als Heide (er wurde erst kurz vor seinem Tod getauft) der katholischen Kirche deren Glaubensregeln diktierte, um seine eigene Macht zu festigen, \u00fcber den H\u00f6hepunkt der kirchlichen Macht beim Canossa-Gang Kaiser Heinrichs IV und die Durchsetzung der weltlichen Macht gegen\u00fcber dem Papst (\u00fcbrigens schon durch Heinrich IV nach Canossa) bis zum weitgehenden Zerfall der kirchlichen Macht bis heute. Interessant an der ganzen Sache ist vor allen Dingen, wie weit die breite Masse sich durch den Hokuspokus fanatisieren l\u00e4sst, auch heute noch und allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz.<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend auf die nur aus Artefakten rekonstruierbare Menschheitsgeschichte stellt sich die Frage, welche der Artefakte einem Besch\u00e4ftigungstrieb entstammen, welche vom schamanischen Brimborium initiiert sind, ohne gleich mit ausuferndem rituellen Zinnober belastet zu sein, und welche mit einer Unterwerfung unter eine abstrakte religi\u00f6se Hoheit verbunden sind. Weitere Gedanken dazu heben wir uns f\u00fcr sp\u00e4ter auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2018\/09\/17\/eine-kurze-geschichte-der-menschheit\/\">zu Kapitel 1<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2018\/09\/29\/eine-kurze-geschichte-der-menschheit-9\/\">zu Kapitel 9<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitel 8: Urspr\u00fcnge der Religion Folgt man den Standardvorstellungen, war die Menschheit, Neandertaler und andere Formen eingeschlossen, von vornherein ziemlich extrem religi\u00f6s ausgerichtet. 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