{"id":1964,"date":"2018-09-24T11:59:38","date_gmt":"2018-09-24T09:59:38","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=1964"},"modified":"2018-09-24T11:59:38","modified_gmt":"2018-09-24T09:59:38","slug":"deutschland-spricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2018\/09\/24\/deutschland-spricht\/","title":{"rendered":"&#8222;Deutschland spricht&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>hei\u00dft das von ZEIT, Spiegel und einem guten Dutzend weiterer Medien betriebene Projekt, Leute mit gegens\u00e4tzlichen politischen Ansichten zu einem 2er-Gespr\u00e4ch zusammen zu f\u00fchren. Gut 20.000 Teilnehmer haben Gespr\u00e4che miteinander am letzten Sonntag gef\u00fchrt, darunter ich. <!--more-->Der Fragenkatalog, an dem das Andersdenken festgezurrt werden sollte, war relativ kurz:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Bildschirmfoto-vom-2018-09-24-10-27-30.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1966\" src=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Bildschirmfoto-vom-2018-09-24-10-27-30.png\" alt=\"\" width=\"568\" height=\"431\" srcset=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Bildschirmfoto-vom-2018-09-24-10-27-30.png 568w, https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Bildschirmfoto-vom-2018-09-24-10-27-30-300x228.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 568px) 100vw, 568px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Gleich zu Beginn erz\u00e4hlte ich, dass ich aufgrund meines Werdegangs als Naturwissenschaftler und Informatiker analytisches Denken gewohnt sei und folglich Behauptungen auf den Grund gehe oder die Konsequenzen von Handlungsweisen analysiere. Dabei komme ich in sehr vielen F\u00e4llen eben zu anderen Einsch\u00e4tzungen als den politisch korrekten, weshalb ich ein Nazi sei, weil Nazi ja das Synonym f\u00fcr eine andere Meinung ist. Mein Gegen\u00fcber tat kund, dass er aufgrund meiner an den Namen gebundenen Email-Domaine auch meine Internetseite besucht und schon an der einen oder anderen Stelle ins Schlucken gekommen war, andererseits jedoch ein Kumpel von ihm bei mir Informatik studiert h\u00e4tte und \u00fcberwiegend Positives berichtete. Frage &#8222;Wie ist es denn so, immer sofort in eine Ecke gestellt zu werden?&#8220; &#8211; Antwort: &#8222;Wenn genau die Leute, die immer auf korrekte Formen dr\u00e4ngen, selbst sofort ausfallend werden, besteht keine Notwendigkeit mehr, selbst noch irgendein Blatt vor den Mund zu nehmen&#8220;.<\/p>\n<p>Worauf wir uns erstaunlich schnell einigen konnten, war, dass Politik und Medien in einer fast noch schlimmeren Filterblase verharren, als sie den Mitgliedern der sozialen Netzwerke vorwerfen. Politiker haben das echte Leben der B\u00fcrger in der Regel nie selbst kennengelernt, da sie meist bereits ab der Schule in der Blase einer politischen Partei leben, und sie nehmen in ihrer Blasiertheit weder die Probleme der B\u00fcrger noch deren Ver\u00e4nderungsanliegen zur Kenntnis, das Gleiche gilt im Umgang mit anderen politischen Parteien. Die Medien gie\u00dfen zus\u00e4tzlich \u00d6l ins Feuer, indem sie oft nicht berichten, was geschehen ist, sondern das, was sie meinen geschehen zu sein (Stichwort &#8222;ein Denkmal der Schande&#8220; hat eine v\u00f6llig andere sprachliche Bedeutung als &#8222;dieses Denkmal ist eine Schande&#8220;, zu der das Zitat umgedeutet wird), und sie haben es im Fall von Mehrdeutigkeiten auch nicht n\u00f6tig, beim Urheber nachzufragen, sondern erheben das, was sie h\u00f6ren wollen, teilweise sogar das, was nur im Kopf geh\u00f6rt wurde, obwohl es gar nicht gesagt wurde, zur absoluten Wahrheit. In Politik und Medien ist das Messen mit zweierlei Ma\u00df so extrem geworden, dass genau hierdurch die Verrohung des Umgehens miteinander gef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<p>Diese erstaunlich weitgehende \u00dcbereinstimmung betrifft den analytischen Teil und beinhaltet nat\u00fcrlich nicht die pers\u00f6nliche Detailbewertung beispielsweise der AfD, bei der wir ziemlich auseinander liegen, w\u00e4hrend wir bei Der Linken schon wieder mehr Einigkeit erzielten. Systematisch kann man n\u00e4mlich auch bei politischen Differenzen Fakten und Folgen analysieren und zum gleichen Ergebnis kommen, ohne sich gleich an die Gurgel gehen zu m\u00fcssen. Diskussionen sind nat\u00fcrlich notwendig, um erst mal alle Gesichtspunkte zu sammeln; jedem k\u00f6nnen ja ein paar Bausteine fehlen, die der andere erg\u00e4nzt, und manches mal mag eine Pause notwendig sein, um zu Hause die Sache in Ruhe zu \u00fcberpr\u00fcfen. Dieser Prozess ist sehr anstrengend, weshalb die meisten Leute auch nicht bereit sind, darauf einzugehen, sondern lieber auf einer betreuten Meinung verharren, aber grunds\u00e4tzlich kann mit &#8222;gesundem Menschenverstand&#8220; von jedem beurteilt werden, ob etwas stimmt und wo ein bestimmter Weg hinf\u00fchrt. Ob und wie man etwas anders oder besser machen kann, ist eine andere Hausnummer, auf die man nicht immer eine Antwort haben muss. Bei einigen Sachen kamen wir auf diesem Weg zum gleichen Punkt, andere mussten wir vertagen, da erst in Ruhe nachgedacht und gepr\u00fcft werden muss, bei anderen wiederum mussten wir passen, da uns auch nichts besseres einfiel.<\/p>\n<p>Wirkliche Differenzen, aber das war zu erwarten, traten erst auf, wenn es um die Frage ging, ob und in welchem Umfang man mit gewissen Konsequenzen leben kann und will. Wenn es mich st\u00f6rt, durch eine deutsche Stadt zu gehen ohne im Verlauf einer Viertelstunde auch nur ein Wort Deutsch zu vernehmen, muss das auf einen Gespr\u00e4chspartner, der etwa halb so alt ist und schon dadurch einen anderen Erlebnishorizont hat, nicht zutreffen. Das muss man einfach einmal beidseitig hinnehmen, ohne aus der Rolle zu fallen, zumal bei der \u00dcberlegung, ob es nicht sinnvoller w\u00e4re, Deutsch als verbindliche Umgangssprache einzufordern und damit eine durchgehende Kommunikationsm\u00f6glichkeit herzustellen, schon wieder grunds\u00e4tzlicher Konsens erreicht wird (die Wege dahin sind ein anderes nicht behandeltes Thema).<\/p>\n<p>Bei den Fragen, um den Bericht einmal einzugrenzen (wir haben uns in den 3,5 h noch \u00fcber eine ganze Reihe anderer Themen unterhalten), kamen wir zu folgendem Ergebnis:<\/p>\n<p>a) Grenzen: falsch ist es, wenn Fl\u00fcchtlinge oder um was auch immer es sich handelt, ghettoisiert werden, ihnen nicht (wie weiland den Sp\u00e4taussiedlern aus Polen und Russland) klar gemacht wird, wie unsere Gesellschaft funktioniert, was sie d\u00fcrfen und was die Konsequenzen sind, sich nicht daran zu halten, und das Erlernen der Deutschen Sprache als Grundvoraussetzung f\u00fcr eine wie auch immer gemeinte Integration einzufordern. So weit unsere \u00dcbereinstimmung. Dissenz besteht darin, ob eine Verbesserung organisatorisch eine Zugangsbeschr\u00e4nkung notwendig macht oder das auch bei offenen Grenzen erreichbar ist sowie im Bereich Integration oder R\u00fcckf\u00fchrung. Einig waren wir uns wieder dar\u00fcber, dass die Politik so ziemlich alles falsch macht und keinerlei Ans\u00e4tze zu einer Verbesserung zeigt, die den Druck aus der Gesellschaft nehmen k\u00f6nnte, weder in der einen noch in der anderen Richtung.<\/p>\n<p>b) #MeToo: Unstrittig war, dass sexuelle \u00dcbergriffe &#8222;gar nicht gehen&#8220; und konsequent abgestellt werden m\u00fcssen. Unstrittig war aber letztlich auch, dass es genauso &#8222;gar nicht geht&#8220;, dass sich weniger als 5% der Gesellschaft die absolute Hoheit \u00fcber die Sprache anma\u00dfen und der strafrechtliche Tatbestand der sexuellen N\u00f6tigung durch einen beliebig durchf\u00fchrbaren gesellschaftlich-medialen Rufmord ersetzt wird (es sind ja auch schon mehrere Selbstmorde aufgrund zweifelhafter Beschuldigungen geschehen). Die unterschiedliche Beantwortung der Frage beruht also weniger auf eine Meinungsverschiedenheit als einer unterschiedlichen Wertung der beiden Aspekte.<\/p>\n<p>c) Fleisch: man kann aus Tierschutzgr\u00fcnden weniger Fleischkonsum f\u00fcr richtig halten, aber wie viel man isst geh\u00f6rt nun wieder in den Bereich der pers\u00f6nlichen Meinung und nicht einer ideologischen Bevormundung, zumal bei dem, was Vegetarier\/Veganer veranstalten, auch nicht alles Sonnenschein ist. Uns war letztlich beiden klar, dass Steuern irgendwo im Staatss\u00e4ckel versickern, ein paar Bauern pleite gehen und die anderen mit den gleichen Produktionsmethoden weitermachen, weil sie gar keine andere Chance haben. Die Frage, was man \u00fcberhaupt tun k\u00f6nnte, lie\u00df uns in Ratlosigkeit zur\u00fcck.<\/p>\n<p>d) Autofreiheit: auch hier trotz unterschiedlicher Beantwortung der Frage weitgehend Einigkeit: die Alternative kann nicht sein &#8222;Auto oder \u00d6PNV&#8220;, sondern das Auto muss Bestandteil aller Modelle sein, und das Fahrrad ist nicht die Antwort, da es sich nicht f\u00fcr alle Leute, alle Entfernungen und alle Wetterlagen eignet. Autoreduziert w\u00e4re die realistische Frage gewesen, jedoch erfordert das \u00d6PNV-Konzepte, die in der Lage sind, die Massen zu bew\u00e4ltigen, h\u00e4ufig genug fahren, bezahlbar sind und \u00fcberhaupt f\u00fcr Ortsunkundige benutzbar werden (Stichwort: Wabenstreckenplan als kubistisch-abstrakte Kunst an der Haltestelle). Davon ist nichts in Sicht, genau genommen noch nicht mal in Gro\u00dfst\u00e4dten wie Hamburg, Berlin oder M\u00fcnchen, wenn man einen Vergleich mit Hong Kong oder Japan zieht. Auch hier l\u00e4uft alles falsch.<\/p>\n<p>e) Muslime: \u00fcber das Thema Islam habe ich mich ja genug verbreitet, um mir hier Details zu ersparen. Notwendig w\u00e4re mindestens eine Entfernung der t\u00fcrkisch-arabischen Imame, Schlie\u00dfen der privaten Koranschulen und ein Euro-Islam, der von hier ausgebildeten Religionslehrern gelehrt wird. Das Gegenteil dieser Entwicklungen ist der Fall: man l\u00e4sst die Extremisten machen. Die unterschiedliche Beantwortung dieser Frage lief also ebenfalls mehr darauf hinaus, ob man unter den derzeitigen Bedingungen ein Zusammenleben f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt oder nach einer langfristigen Perspektive durch \u00c4nderungen Ausschau h\u00e4lt.<\/p>\n<p>f) Trump: der ist mir derart egal, dass wir dazu nichts gesagt haben. Wenn die Amis sich selbst sch\u00e4digen wollen, sollen sie das tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fazit: wir sind uns in vielen Bereichen erstaunlich nahe gekommen, was die sachliche Bewertung angeht. Entsprechend harmonisch verlief das Gespr\u00e4ch; hitzige Teile haben wir eigentlich nicht gehabt. Das soll nat\u00fcrlich nicht dar\u00fcber hinweg t\u00e4uschen, dass wir jenseits der Bewertung schon deutlich unterschiedlich sind, was ich hier nicht so ausf\u00fchrlich dargestellt habe. Das Lebensbild meines Gespr\u00e4chspartners sieht mit Sicherheit v\u00f6llig anders aus als meines. Das war uns aber klar, und man kann sich ja in den unterschiedlichen Sachen in der Praxis auch aus dem Weg gehen, so dass auch das kein Grund war, in irgendeiner Form lauter zu werden. Gro\u00dfenteils liegt das nat\u00fcrlich auch daran, dass die politische Entwicklung aus unserer Sicht fast \u00fcberall in die falsche Richtung verl\u00e4uft. W\u00e4re das nicht so, k\u00f6nnte das eine oder andere Thema schon etwas hei\u00dfer werden.<\/p>\n<p>Ich gehe davon aus, dass solche Gespr\u00e4che sinnvoll eigentlich nur in einem solchen Rahmen stattfinden k\u00f6nnen, wo beider Partner genau aus dem Grund zusammenkommen und sich auf eine Faktenanalyse einlassen. Meine sonstige Erfahrung, die anscheinend auch ein ZEIT-Redakteur in seinem Dossier teilen musste: je Gr\u00fcner, j\u00fcnger, weiblicher und zuf\u00e4lliger die Begegnung, desto sinnloser der Versuch, ein Gespr\u00e4ch in Gang zu setzen. Die Frage der Initiatoren der Aktion, ob ich nun verst\u00e4rkt das Gespr\u00e4ch mit Andersdenkenden suche, habe ich daher verneint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>hei\u00dft das von ZEIT, Spiegel und einem guten Dutzend weiterer Medien betriebene Projekt, Leute mit gegens\u00e4tzlichen politischen Ansichten zu einem 2er-Gespr\u00e4ch zusammen zu f\u00fchren. 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