{"id":1956,"date":"2018-09-24T09:24:37","date_gmt":"2018-09-24T07:24:37","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=1956"},"modified":"2018-09-27T08:51:04","modified_gmt":"2018-09-27T06:51:04","slug":"eine-kurze-geschichte-der-menschheit-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2018\/09\/24\/eine-kurze-geschichte-der-menschheit-7\/","title":{"rendered":"Eine kurze Geschichte der Menschheit"},"content":{"rendered":"<h5>Kapitel 7: Wandern, Besitz, Aggression<\/h5>\n<p class=\"western\">Urspr\u00fcnglich waren der Mensch bzw. seine Vorfahren J\u00e4ger und Sammler. Man jagte das erreichbare Wild und sammelte die lokal verf\u00fcgbaren essbaren Pflanzen und Pilze und zog weiter, wenn die Nahrung knapp wurde. M\u00f6glicherweise <!--more-->kommt eine Vorgeschichte als Aasfresser hinzu, aber da hat man sich mit Konkurrenten auseinander zu setzen, so dass es sich aufgrund der Voraussetzungen eher lohnte, selbst zu jagen. Von Schimpansen wei\u00df man, dass sie ihre Beute- und &#8222;Kriegsz\u00fcge&#8220; strategisch planen und bei letzteren auch \u00e4u\u00dferst brutal vorgehen k\u00f6nnen. Die Kollegen aus der Menschengruppe d\u00fcrften ihnen allerdings nach einiger Zeit aufgrund der besseren Bewaffnung und Kommunikationsm\u00f6glichkeiten deutlich \u00fcberlegen gewesen sein. Als J\u00e4ger ist der Mensch ein Lauer- oder Hetzj\u00e4ger, als Gruppenj\u00e4ger wird er aber auch durchaus in der Lage gewesen sein, Beute durch Treiber den J\u00e4gern zuzutreiben und so den Erfolg zu vergr\u00f6\u00dfern. Die Gro\u00dfwildjagd &#8211; B\u00fcffel, Nash\u00f6rner oder Mammuts jagt man erst, wenn man die Jagd mit hoher Wahrscheinlichkeit auch \u00fcberlebt, und B\u00e4ren und andere H\u00f6hlenbewohner d\u00fcrften ebenfalls kaum auf schriftliche R\u00e4umungsbefehle reagiert haben &#8211; ist allerdings vermutlich erst in der Sp\u00e4tphase entwickelt worden.<\/p>\n<p class=\"western\">Diese Lebensart kann naturgem\u00e4\u00df nur relativ kleine Gruppen innerhalb eines Reviers ern\u00e4hren, und die Besitzt\u00fcmer, sofern \u00fcberhaupt welche vorhanden waren, waren eher Gruppenbesitz als einzelnen Individuen zugeordnet. Was passiert, wenn verschiedene Gruppen aufeinander treffen? H\u00e4ufig wird eine Begegnung so dargestellt, dass man \u00fcbereinander herf\u00e4llt und sich umbringt, zumindest was die M\u00e4nnchen\/M\u00e4nner angeht, und der Sieger ggf. die Weibchen\/Frauen der unterlegenen Gruppe einheimst. Es gibt aber durchaus Gr\u00fcnde, dieses Verhalten als Ausnahme zu sehen. Solche aggressiven Begegnungen gehen selten f\u00fcr eine Seite ohne Verluste aus, und der Verlust von J\u00e4gern kann schnell das Ende der gesamten Gruppe bedeuten. Biologisch kann das zur genetischen Verarmung f\u00fchren, was auf die Dauer auch Probleme bereitet. Strategisch besser ist es, Reviere friedlich abzustecken und sich ggf. mit dem Nachbarn sogar ab und zu zu treffen und Liebschaften au\u00dferhalb der eigenen Sippe zu beginnen. Bei den San (Buschm\u00e4nnern), Aborigines oder Innuit, von denen noch einige Gruppen dieser urspr\u00fcnglichen Lebensweise ziemlich nahe kommen, ist genau dieses Verhalten auch zu beobachten.<\/p>\n<p class=\"western\">Arch\u00e4ologisch lassen sich leider wieder kaum Erkenntnisse gewinnen. An Lagerst\u00e4tten hat man zwar fallweise auch Menschenknochen gefunden, aber ein Etikett &#8222;meine Oma&#8220; oder &#8222;erlegter Feind&#8220; war nicht vorhanden. Selbst \u00fcber die Besiedlungsdichte lassen sich nur Vermutungen anstellen, da eben die meisten Lager nicht mehr identifiziert werden k\u00f6nnen. Oft geht man davon aus, dass sie relativ d\u00fcnn war, weil zwischen den Nutzungszyklen der bekannten Lagerst\u00e4tten l\u00e4ngere Zeiten lagen.<\/p>\n<p class=\"western\">In der Umgebung der Menschengruppen d\u00fcrften sich bereits fr\u00fch Vorl\u00e4ufer der heutigen Hunde herumgetrieben haben, die von den Resten der Jagd oder selbst dem Kot profitierten. Funde zeigen an, dass diese Abfallverwerter selbst im Beutespektrum der J\u00e4ger auftraten. Vor ca. 130.000 Jahren d\u00fcrfte in einem Clangebiet den Urmenschen aber aufgegangen sein, dass die Hundevorl\u00e4ufer mehr Vorteile brachten, wenn man sich zusammentut: das S\u00e4ubern der Lagerumgebung durch die kleinen, ungef\u00e4hrlichen W\u00f6lfchen sorgt daf\u00fcr, dass wesentlich gr\u00f6\u00dfere und unangenehmere Kollegen der jagenden Zunft nicht so schnell aufmerksam werden, die Meute stellt zudem ein Fr\u00fchwarnsystem dar, so dass anschleichende Gro\u00dfr\u00e4uber rechtzeitig entdeckt und abgewehrt werden k\u00f6nnen, und durch Aufzucht verlassener Welpen erh\u00e4lt man nicht nur Spielgef\u00e4hrten f\u00fcr den eigenen Nachwuchs, sondern kann sich auch dauerhaft als Rudelf\u00fchrer installieren. Ist das Zusammenleben erst einmal so weit gediehen, ist irgendwann der Einsatz des Hundes als Hilfswaffe bei der Jagd oder bei Auseinandersetzungen oder als Tr\u00e4ger\/Zugtier zur Entlastung nur eine Frage der Zeit.<\/p>\n<p class=\"western\">Wie auch immer die Details gewesen sein m\u00f6gen, es d\u00fcrfte sich um einen langsamen Prozess gehandelt haben, denn nicht nur der Mensch musste sich an den Hund als Genossen gew\u00f6hnen, auch der Hund wurde sicher erst durch eine l\u00e4ngere Auslese zum Haushund. Man darf vermuten, dass der Hund nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, dass heute eine biologisch ziemlich homogene Menschheit existiert. Mensch und Hund zusammen bilden ein wesentlich effektiveres Jagdteam als jeweils alleine, so dass sich die Ern\u00e4hrungslage verbessert haben d\u00fcrfte und gr\u00f6\u00dfere Gruppen die Folge waren. Gr\u00f6\u00dfere Gruppen wiederum sind die Voraussetzung, sich durchzusetzen, sei es durch Ausrottung\/Verdr\u00e4ngung von Konkurrenten oder als Ph\u00e4notyp bei einer Vermischung. In der Anthropologie wird dar\u00fcber diskutiert, ob das Gespann Mensch-Hund in der Lage war, den Neandertaler von der Bildfl\u00e4che zu fegen, was nicht so ganz mit der These in Einklang zu bringen ist, Neandertaler seien schon vorher ausgestorben und den Neuank\u00f6mmlingen gar nicht erst begegnet. Die eigentliche Frage ist allerdings, ob die Gruppengr\u00f6\u00dfe bereits so angestiegen ist, dass gesteigerte Aggression das Koexistenzmodell abgel\u00f6st hat. Aufgrund des hervorragenden Adaptionsverm\u00f6gens der Menschen ist wohl auch davon auszugehen, dass die hundelosen Gruppen im Laufe der Zeit auch Mittel und Wege gefunden haben, sich ebenfalls einen w\u00f6lfsiche Partner zuzulegen.<\/p>\n<p class=\"western\">Sp\u00e4ter als die Partnerschaft Mensch \u2013 Hund d\u00fcrfte das Hirtentum entstanden sein. Was mit den Hunden funktioniert hat, sollte auch mit anderen Tieren funktionieren, und wenn man nach einer Jagd verwaiste Tierkinder, die zun\u00e4chst nicht f\u00fcr die Ern\u00e4hrung ben\u00f6tigt wurden, aufzieht und an den Menschen gew\u00f6hnt, hat man einen Vorrat, auf den man zur\u00fcck greifen kann. Der n\u00e4chste Schritt ist die Erkenntnis, dass die Vorratstiere auch f\u00fcr die Ern\u00e4hrung genutzt werden k\u00f6nnen, ohne sie gleich umzubringen, indem man ihnen Milch oder begrenzte Mengen an Blut abzapft. Der Prozess ist sicher nicht ganz leicht in Gang gekommen, denn er setzt ja auch voraus, dass die Beute gen\u00fcgend zutraulich ist und nicht sofort auf dem Menschen losgeht, wenn der sich n\u00e4hert, bzw. klein genug, dass dieser sie unter Kontrolle halten kann. Das heutige \u201eGro\u00dfwild\u201c Rind oder Pferd oder als Extrem auch der Elefant steht sicher am Ende der Kette, und die meisten Tierarten sind bis heute nicht im eigentlichen Sinn als Haustier domestiziert. Der Ausgangspunkt d\u00fcrfte wohl bei Schafen oder Ziegen gelegen haben.<\/p>\n<p class=\"western\">Wenn die Herde gro\u00df genug ist, lassen sich auch gen\u00fcgend Tiere f\u00fcr die Ern\u00e4hrung schlachten, so dass man unabh\u00e4ngiger vom Jagderfolg wird. Gro\u00dfe Herden setzen aber wieder gen\u00fcgend gro\u00dfe Weidegebiete sowie den Schutz der Herde vor anderen R\u00e4ubern voraus. M\u00f6glicherweise hat der Hund auch hier wieder eine ma\u00dfgebliche Rolle gehabt. Vergegenw\u00e4rtigt man sich die zu l\u00f6senden Detailprobleme, war der Weg zur Hirtengesellschaft alles andere als einfach und damit vermutlich auch alles andere als schnell. An den Wanderbewegungen haben die Herden vermutlich nur bedingt etwas ge\u00e4ndert: man musste mit ihnen durch die Gegend ziehen, um gen\u00fcgend Futter zu finden, allerdings wohl nicht mehr so weit wie die jagende Gesellschaft.<\/p>\n<p class=\"western\">Der \u00dcbergang von der J\u00e4ger\/Sammler- zur Hirten-Gesellschaft d\u00fcrfte eine Reihe wesentlicher Ver\u00e4nderungen mit sich gebracht haben:<\/p>\n<ul>\n<li>Die bessere Ern\u00e4hrungsgrundlage erlaubt die Bildung gr\u00f6\u00dferer Gruppen.<\/li>\n<li>Mit der Herde ist Eigentum vorhanden, das verteidigt werden muss, au\u00dferdem stehen neue Produkte (Wolle) in gr\u00f6\u00dferer Menge zur Verf\u00fcgung.<\/li>\n<li>In der Gruppe fallen unterschiedliche Aufgaben an, die zu den ersten Berufsspezialisierungen gef\u00fchrt haben d\u00fcrften.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"western\">Eine reine J\u00e4ger- und Sammlergesellschaft erfordert noch keine Spezialisierung der Mitglieder: jeder kann auf die Jagd gehen oder Pflanzen sammeln. Die Hirtenaufgabe erfordert aber so viel Zeit und Sorgfalt, dass diese Leute als J\u00e4ger ausfielen. Die J\u00e4ger erhalten zus\u00e4tzlich die Aufgabe, das neue Eigentum zu sch\u00fctzen. Da durch die gr\u00f6\u00dferen Gruppen auch Verluste besser verkraftbar werden, d\u00fcrften Begegnungen mit anderen Gruppen zunehmend aggressiveren und brutaleren Charakter erhalten haben.<\/p>\n<p class=\"western\">Vermutlich sind in dieser Phase auch Stoffe\/Filze f\u00fcr Bekleidung und andere Zwecke erfunden worden. Die Herstellung von F\u00e4den durch Zusammenzwirbeln von Fasern d\u00fcrfte auch J\u00e4gern bekannt gewesen sein, ebenso das Flechten von K\u00f6rben oder Netzen als Makroversion des Webens oder das Walken von Haaren zu Filz. Stehen Schafe oder einige andere Tierarten auf dem Herdenplan, kommt aber vermutlich erst jetzt Wolle systematisch in ausreichender Menge auf die Liste der nutzbaren Produkte.Daraus nun zunehmend feinere F\u00e4den und Stoffe herzustellen ist zwar nichts grunds\u00e4tzlich Neues (m\u00f6glicherweise verf\u00fcgte auch die J\u00e4gergesellschaft bereits \u00fcber einfache Varianten), aber eben sehr zeitaufw\u00e4ndig, so dass man von Arbeitsteilung in der Gruppe ausgehen muss, weil Spinner und Weber f\u00fcr anderes ausfallen.<\/p>\n<p>Das sind allerdings Spekulationen, wie angemerkt werden muss. Die Produkte haben sich aus diesen fr\u00fchen Zeit nicht erhalten; erst aus historischen Zeiten liegen Gewebe usw. vor. Die Herdenwirtschaft konnte sich nat\u00fcrlich nur in Gebieten ausbreiten, die daf\u00fcr geeignet waren; ungeeignete Gebiete sind zum Teil bis heute durch J\u00e4ger\/Sammler-Gesellschaften bewohnt. Ebenfalls nur spekulieren kann man dar\u00fcber, ob Begegnungen verschiedener Gruppen immer mit Mord- und Totschlag endeten oder es bereits zu ersten Handelsbegegnungen kam, indem etwa J\u00e4gergruppen begehrte Pelze gegen Produkte der Hirtengesellschaft eintauschten. Eine Notwendigkeit f\u00fcr Handel bestand vermutlich zu der Zeit, in der noch alles in Bewegung war, nicht. Das wurde erst in der n\u00e4chsten Entwicklungsstufe erreicht.<\/p>\n<p>Diese besteht in der Erkenntnis, dass viele pflanzliche Nahrungsmittel durch gezielten Anbau in wesentlich gr\u00f6\u00dferem Umfang gewonnen werden k\u00f6nnen als durch Sammeln in der Gegend. Manche Nahrungsmittel wie Getreide sind auch haltbar genug, um die Zeit bis zur n\u00e4chsten Ernte zu \u00fcberstehen. Wir m\u00fcssen die Details dieser Entwicklung wohl nicht weiter breittreten, sondern k\u00f6nnen uns auf die Konsequenzen beschr\u00e4nken:<\/p>\n<ul>\n<li>Es k\u00f6nnen noch mehr Menschen ern\u00e4hrt werden, d.h. die Bev\u00f6lkerungsdichte w\u00e4chst.<\/li>\n<li>Land kommt als neues Eigentum hinzu.<\/li>\n<li>Die Menschen werden sesshaft, die Behausungen entsprechend dauerhafter und besser ausgestattet.<\/li>\n<li>Die Auseinandersetzungen um Eigentum werden brutaler. Fluchtburgen oder bewehrte D\u00f6rfer werden notwendig.<\/li>\n<li>Das Hirtentum wird zur\u00fcckgedr\u00e4ngt\/verschwindet. Herden beschr\u00e4nken sich auf die lokalen Gegebenheiten, wandernde Hirten werden zu Feinden in Bezug auf das Eigentum &#8222;Land&#8220;.<\/li>\n<li>Es entstehen weitere neue Berufe, neue Erfindungen besonders in der Aufbewahrungs- und Haltbarkeitsmachung werden gemacht.<\/li>\n<li>Es ist nicht mehr alles in der Umgebung des Aufenthaltsortes verf\u00fcgbar. Ausgedehnte Handelsnetze f\u00fcr alle m\u00f6glichen Produkte werden notwendig. Manche Gruppen spezialisieren sich ausschlie\u00dflich auf bestimmte Produkte (z.B. Bergbau, zun\u00e4chst z.B. f\u00fcr Feuerstein).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Mit der Ackerbaugesellschaft sind wir mittendrin in der dokumentierten Geschichte, da die Umst\u00e4nde nun sehr viele und sehr aussagekr\u00e4ftige arch\u00e4ologische Funde erm\u00f6glichten und hinterlie\u00dfen. Nur zeitweise scheint es halbwegs friedlich zugegangen zu sein; die meisten Entwicklungen f\u00fchrten leider zu Krieg und wenig erfreulichen Auseinandersetzungen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2018\/09\/17\/eine-kurze-geschichte-der-menschheit\/\">zu Kapitel 1<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2018\/09\/27\/eine-kurze-geschichte-der-menschheit-8\/\">zu Kapitel 8<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kapitel 7: Wandern, Besitz, Aggression Urspr\u00fcnglich waren der Mensch bzw. seine Vorfahren J\u00e4ger und Sammler. Man jagte das erreichbare Wild und sammelte die lokal verf\u00fcgbaren essbaren Pflanzen und Pilze und zog weiter, wenn die Nahrung knapp wurde. 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