{"id":1781,"date":"2018-07-20T10:30:18","date_gmt":"2018-07-20T08:30:18","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=1781"},"modified":"2018-07-20T10:30:18","modified_gmt":"2018-07-20T08:30:18","slug":"armutszeugnis-strassenverkehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2018\/07\/20\/armutszeugnis-strassenverkehr\/","title":{"rendered":"Armutszeugnis Stra\u00dfenverkehr"},"content":{"rendered":"<p>Was haben die St\u00e4dte Leer, Emden, Aurich, Varel, Bremerv\u00f6rde, Hamburg und L\u00fcbeck gemeinsam? Das sind die St\u00e4dte, durch die ich in den letzten Tagen gefahren bin, und <!--more-->das Spektrum reicht von Mini-St\u00e4dten mit ein par 10.000 Einwohnern bis zur Millionenstadt. Gemeinsam ist allen: egal, auf welcher Strecke man durch sie hindurch f\u00e4hrt und zu welcher Uhrzeit das passiert, man muss an jeder Ampel anhalten, weil die p\u00fcnktlich auf Rot springt, sobald man sich ihr n\u00e4hert. &#8222;Wirklich jeder&#8220; w\u00e4re vielleicht \u00fcbertrieben, aber an 8-9 von 10 Ampeln steht man. Dabei ist es v\u00f6llig egal, ob man auf der &#8222;Hauptstrecke&#8220; f\u00e4hrt oder von einer &#8222;Nebenstra\u00dfe&#8220; einbiegt &#8211; nach 100 m ist Schluss, denn es ist rot (oft schon nach weniger).<\/p>\n<p>Vor 30-40 Jahren gab es mal ein Verkehrskonzept namens &#8222;Gr\u00fcne Welle&#8220;. Zus\u00e4tzliche Anzeigen teilten dem Fahrer mit, ob er 30, 40 oder 50 km\/h schnell fahren sollte, und in der Regel kam man damit bei Gr\u00fcn an der n\u00e4chsten Kreuzung an. Heute l\u00e4sst sich leider kein Konzept mehr hinter der Ampelschaltung erkennen, selbst wenn es sich nur um 4-5 Ampeln auf einen halben Kilometer handelt, es sei denn, man unterstellt bei der Schaltung das Konzept der maximal m\u00f6glichen Behinderung.<\/p>\n<p>Zugegeben, es ist heute sicher komplizierter als fr\u00fcher, besonders in den Gro\u00dfst\u00e4dten. Der Verkehr hat zugenommen, die Zahl der Ampeln ebenfalls. Andererseits ist es heute auch einfacher als fr\u00fcher, da intelligente Schaltungen zur Verf\u00fcgung stehen &#8211; zumindest in der Theorie. Wenn man an eine Kreuzung kommt, an der nacheinander alle vier Einm\u00fcndungen einzeln auf gr\u00fcn geschaltet werden, um den Verkehr jeweils in alle Richtungen abflie\u00dfen zu lassen, kann man an der Intelligenz schon zweifeln, wenn eine Stra\u00dfe eine Minute lang stumpf auf gr\u00fcn geschaltet wird, obwohl dort noch nicht mal ein Skateboard unterwegs ist.<\/p>\n<p>Allerorten ist von KI (k\u00fcnstliche Intelligenz) die Rede, und dass genau das die Zukunft Deutschlands ist: der Einsatz solcher innovativer Techniken. In Bezug auf den Stra\u00dfenverkehr kann man den undurchsichtigen und pomp\u00f6sen Begriff auch durch &#8222;selbstoptimierendes System&#8220; ersetzen. Man muss nur die Optimierungsparameter und Grenzparameter vorgeben, also beispielsweise &#8222;maximaler Fahrzeugdurchsatz&#8220; (der Parametersatz ist sicher deutlich komplizierter und wird auch Zusammenh\u00e4nge ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen) oder &#8222;maximale Standzeit eines Fahrzeugs&#8220; (auch hier kann es weitere Kriterien geben), den Rest macht eine Software, die dabei auch lernt, wie sich die unbekannte Gr\u00f6\u00dfe, der Autofahrer, verh\u00e4lt. Ob eine zentrale L\u00f6sung (alle Ampeln werden von einem System verwaltet) oder eher eine dezentrale (mehrere Systeme, die nur wenige Ampeln verwalten, erg\u00e4nzen sich) besser funktioniert, w\u00fcrde sich ebenfalls erweisen. Die Grundprinzipien sind alle nicht besonders neu, und die heutige Rechnertechnik macht es zu \u00fcberschaubaren Preisen m\u00f6glich, alles in Echtzeit zu bearbeiten (tats\u00e4chlich ist KI mehr oder weniger eine Hardware-Sch\u00f6pfung, denn erst die schnellen Rechner machen vieles wirklich m\u00f6glich. Es wird aber lieber so getan, als sei das was furchtbar neues, weil das medienwirksamer ist).<\/p>\n<p>Warum wird das, von dem alle Dumpfbacken meinen, es handele sich um die Zukunft Deutschlands, nicht dort eingesetzt, wo die Probleme hochkochen, wie im Stra\u00dfenverkehr? Zu teuer? Sicher, wenn man Siemens damit beauftragt, so etwas zu entwickeln, denn irgendwie m\u00fcssen ja auch die Vorstandsgeh\u00e4lter bezahlt werden. Und auf die Idee, solche Unternehmen die Produkte, die sie dann weltweit verscherbeln k\u00f6nnen, auf eigene Kosten entwickeln zu lassen kommt die deutsche (verfilzte) Politik nat\u00fcrlich genauso wenig wie die eigenen Ressourcen zu nutzen. Nahezu jede Hochschule sollte eigentlich in der Lage sein, solche Software zu entwickeln, und die notwendige Infrastruktur wie Kontaktschleifen und Verkehrskameras sollte bereits weitestgehend vorhanden sein. Die Ampelphasen extern zu steuern d\u00fcrfte wohl ebenfalls kein Problem sein (die Sicherheitsverriegelungen vor Ort w\u00fcrde dadurch ja nicht aufgehoben). Zu verschlechtern w\u00e4re wohl kaum etwas, aber die handels\u00fcblichen &#8222;rechtlichen Probleme&#8220; d\u00fcrften wie andernorts so ziemlich alles Sinnvolle verhindern.<\/p>\n<p>Auch sonst sind die Regelungen des Stra\u00dfenverkehrs so sinnlos wie m\u00f6glich. Jeder wei\u00df, dass Fahrzeuge bei gleichm\u00e4\u00dfigem Tempo 70-90 km\/h am wirtschaftlichsten fahren und auch das Vorankommen der Passagiere zeitlich im gr\u00fcnen Bereich ist. Das hindert aber kaum eine Verkehrsbeh\u00f6rde daran, den Verkehr auf Tempo 30 km\/h zu drosseln, LKW auf Landstra\u00dfen nur 60 km\/h fahren zu lassen (viele fahren gl\u00fccklicherweise schneller), bei jeder Einm\u00fcndung auf Landstra\u00dfen die Geschwindigkeit f\u00fcr 150 von 100 km\/h auf 70 km\/h zu begrenzen, in Autobahnbaustellen nur 50 km\/h zuzulassen, Kreisverkehre in 250 m Abstand zu bauen, weil dort noch zwei Feldwege einm\u00fcnden, die Geschwindigkeit ca. 300 m vor dem Kreisverkehr von 100 km\/h auf 50 km\/h zur\u00fcck zu nehmen (Bremsweg bei 50 km\/h \u2264 10 m) oder gar einen Kreisverkehr mit Ampeln zu versehen, die alles noch mehr aufhalten. Obendrein hat offenbar jede lokale Verkehrsbeh\u00f6rde noch die M\u00f6glichkeit, sich ihren Unsinn selbst auszudenken, d.h. was im Kreis Wesel gilt, gilt im Kreis Emsland noch lange nicht. Psychologisch reizt gerade diese \u00fcberbordende Bevormundungswut deutscher Beh\u00f6rden die Autofahrer dazu, sich an vieles eben nicht zu halten, was besonders dann fatal ist, wenn eine Regelung tats\u00e4chlich einmal Sinn macht. Das kann man als Fahrer n\u00e4mlich nicht mehr unterscheiden.<\/p>\n<p>V\u00f6llig daneben auch die derzeitige Umleitungswut auf Landstra\u00dfen. 100 m vor der Totalsperrung (was anderes geht derzeit wohl nicht mehr) ein einzelner Hinweis, dass die Strecke zwischen Oppelhof und Wilmersau gesperrt ist. Leider wei\u00df man nicht, ob man auf dem Weg nach M\u00fcnchen dort durch muss, weil das Navi das nicht anzeigt, w\u00e4hrend im Problemfall das Navi die Umleitung nicht erkennt und einen spronstreichs in die Baustelle zur\u00fcck f\u00fchrt. Dabei w\u00e4ren die meisten Navis in der Lage, Sperrungsmeldungen zu empfangen und beim Routing zu ber\u00fccksichtigen. Allerdings bekommen das die Verwaltungen selbst auf den Hauptstrecken nicht hin: &#8222;auf der B 72 keine Baustelle&#8220;, so das zust\u00e4ndige niedes\u00e4chsische Landesbauamt, und kurz hinter der Anschlussstelle zur A 28 steht man dann vor einer Vollsperrung. Und das auch noch, wenn man einen Monat sp\u00e4ter wieder die Strecke f\u00e4hrt. Klasse!<\/p>\n<p>Es sind diese eigentlich recht einfachen Sachen, die zeigen, dass sich Deutschland auf dem Niedergang befindet. Noch nicht mal die Klosp\u00fclung funktioniert, aber allerorts gro\u00dfe Fresse, dass einem der Duft der gro\u00dfen weiten Welt vom \u00d6rtchen entgegen weht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was haben die St\u00e4dte Leer, Emden, Aurich, Varel, Bremerv\u00f6rde, Hamburg und L\u00fcbeck gemeinsam? 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