{"id":1773,"date":"2018-07-13T09:53:27","date_gmt":"2018-07-13T07:53:27","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=1773"},"modified":"2018-07-13T09:53:27","modified_gmt":"2018-07-13T07:53:27","slug":"zahlenspiele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2018\/07\/13\/zahlenspiele\/","title":{"rendered":"Zahlenspiele"},"content":{"rendered":"<p>Vom 1.1.18 bis zum 30.6.18 sind im Mittelmeer 1.408 Fl\u00fcchtlinge ertrunken. Oder korrekt formuliert: fast beinahe ganz genau exakt ungef\u00e4hr 1.408. Woher <!--more-->haben ausgerechnet die Feinde jeglicher sonstiger Fakten so genaue Zahlen und weshalb sind sie so genau?<\/p>\n<p>Die Zahl findet man in jeder Zeitung, sie werden in jedem Nachrichtensender gebracht. Sie beziehen sich auf die Gesamtzahl von 46.407 Fl\u00fcchtlinge auf der Mittelmeerroute und sollen die erh\u00f6hte Gefahr gegen\u00fcber 2016 dokumentieren, wo 5.096 Menschen ertrunken waren, allerdings bei 362.753 Fl\u00fcchtlingen. Die Verlustrate ist mithin von 1,4048% auf 3,0340% gestiegen.<\/p>\n<p>Die Techniker unter den Lesern haben vermutlich verstanden, worauf die Darstellung hinausl\u00e4uft. W\u00fcrde man im Praktikum Prozentzahlen mit dieser unsinnigen Genauigkeit darstellen, w\u00e4re der Hinauswurf vorprogrammiert. Besch\u00e4ftigen wir uns genauer mit den Zahlen.<\/p>\n<h5>Woher stammen die Daten?<\/h5>\n<p>Die Quelle f\u00fcr alle ist das UNHCR, das UN-Fl\u00fcchtlingshilfswerk. Dessen Zahlen werden zitiert. Wie kommen die Leute nun an die Zahlen. Unbestritten ist, dass gez\u00e4hlt werden kann, wie viele Menschen durch Schiffe in europ\u00e4ischen H\u00e4fen offiziell angelandet werden k\u00f6nnen. Allerdings: wenn man genauer dar\u00fcber nachdenkt, was es das auch schon. Sind das die 46.407 Fl\u00fcchtlinge?<\/p>\n<p>Ich muss zugeben: keine Ahnung, denn so genau ist das nun auch nicht dargestellt, wie diese Zahl zusammen kommt (oder zumindest habe ich das nicht gefunden). Es k\u00f6nnte sich auch um die Zahl derjenigen handeln, die mit einem Boot von der K\u00fcste abgelegt haben, aber woher will man das wissen? Die Zahlen kennen nur die Schlepper &#8211; falls sie \u00fcberhaupt z\u00e4hlen. Oder diejenigen, die von der libyschen K\u00fcstenwache zur\u00fcck gebracht werden zus\u00e4tzlich zu denen in europ\u00e4ischen H\u00e4fen (also nicht alle 46.407\u00a0 h\u00e4tten Europa erreicht). Aber ob die Libyer nun so genau z\u00e4hlen? Glaubt man den NGOs, tun sie das sicher nicht. Die Zahl k\u00f6nnte auch h\u00f6her sein, wenn Schiffe ihre Fracht inoffiziell irgendwo an der italienischen K\u00fcste abl\u00e4dt. Auch da w\u00e4re ich mit nicht sicher, ob das nicht passiert.<\/p>\n<p>Und wie kommt man nun auf die 1.408? Anscheinend wird das aus Berichten von &#8222;Geretteten&#8220; extrahiert. Man sei mit 3 oder 4 Booten gestartet, von denen bis auf das eigene unterwegs die anderen verschwunden seien, so manche Schilderungen. Geht man nun davon aus, dass alle Verschwundenen abgesoffen sind? Oder haben die ihren Kurs nur aufgef\u00e4chert, um ihre Chancen zu erh\u00f6hen? Oder sind sie von den Libyern aufgefischt worden oder andere haben sie aufgefischt und vereinbarungsgem\u00e4\u00df an die Libyer \u00fcbergeben? Oder sind gar einige geschickterweise rechtzeitig doch wieder umgekehrt und haben es bis an die K\u00fcste zur\u00fcck geschafft?<\/p>\n<p>Also alles in allem anscheinend nichts als absolut pr\u00e4zise Sch\u00e4tzungen aufgrund irgendwelcher Mutma\u00dfungen, wie plausible die auch immer sein m\u00f6gen. M\u00f6glichweise k\u00f6nnte die NSA \u00fcber ihre Satelliten genauere Daten liefern, aber ich bezweifle, dass die ihre Kapazit\u00e4ten daf\u00fcr nutzen oder die Zahlen zur Verf\u00fcgung stellen, falls sie welche haben.<\/p>\n<h5>Was sagen diese Zahlen?<\/h5>\n<p>Gehen wir davon aus, dass diese Zahlen die Realit\u00e4t einigerma\u00dfen beschreiben, was die Meeresfl\u00fcchtlinge betrifft. Die Realit\u00e4t selbst bilden sie nicht ab, denn sie beinhalten nicht, dass auf dem Weg nach Libyen bzw. Nordafrika einige Verluste auftreten d\u00fcrften, in Nordafrika eine gro\u00dfe Anzahl als Sklaven aller Art \u00fcber eine l\u00e4ngere Zeit festgehalten wird (und vermutlich wieder einige sterben). Es sind schlicht Zahlen f\u00fcr den Endkonsumenten in Europa.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlingskandidaten m\u00f6gen ungebildet sein, aber nicht dumm. Das Merkel-Signal &#8222;wer es bis hier hin schafft, genie\u00dft lebenslange Rundumversorgung&#8220; zusammen mit der Verlustrate von 1,4% bzw. 3,0% ist das, was sie auch mitbekommen. Oder anders ausgedr\u00fcckt: jetzt geht es mir Schei\u00dfe, aber wenn ich mich auf den Weg mache, habe ich eine 98,6%-ige bzw. 97%-ige Chance auf ein sorgenfreies Leben (zumindest relativ zu dem, das ich derzeit habe). Dass das f\u00fcr manche oder viele doch nicht so ist, dringt ja erst seit kurzem in die Medien, und auch das ohne Zahlen.<\/p>\n<p>Die Leute sehen also die 98% und k\u00f6nnen nur gewinnen. In unserer \u00fcberf\u00fctterten Gesellschaft gelten \u00e4hnliche Zahlen wie allerlei aberwitzige T\u00e4tigkeiten wie S-Bahnsurfen, Mt. Everest-Besteigungen oder andere Sachen, bei denen man vielleicht nicht immer drauf geht, aber als Kr\u00fcppel oder ohne Z\u00e4hne aus der Sache herauskommt, aber nicht wirklich gewinnen kann. Es geht lediglich um den Kick oder darum, nicht als Feigling da zu stehen, und trotzdem machen es viele. Fl\u00fcchtlinge in Relation zu denen, die nicht fl\u00fcchten, und Adrenalinjunkies im Verh\u00e4ltnis zu denen, die etwas gelassener durch das Leben gehen &#8211; vermutlich tut sich da recht wenig.<\/p>\n<p>Kurz und gut, wenn man etwas zu gewinnen hat, sagen diese Zahlen MACH ES.<\/p>\n<h5>Warum solche Zahlen?<\/h5>\n<p>Die Zahlen sind ein Lehrbuchbeispiel f\u00fcr angewandte Propaganda. Die Europ\u00e4er sollen nat\u00fcrlich nicht die 98%-ige Gewinnchance sehen, sondern die 3%-ige Todesrate, und vor Mitleid erstarren. Genau das will die Berichterstattung erreichen, und das macht sie auch. Die Verh\u00e4ltnisse in den afrikanischen Herkunftsl\u00e4ndern oder in den Transitl\u00e4ndern in Nordafrika oder auch auf der Landroute \u00fcber den Balkan sind allenfalls marginale Berichterstattung wert. In der Hauptsache dreht sich die Medienwelt um den Aufh\u00e4nger &#8222;tot oder nicht tot&#8220; auf der Mittelmeerroute. Das dr\u00fcckt auf die Tr\u00e4nendr\u00fcse, nicht der Penner unter dem Pappkarton auf irgendeiner Industriebrache in Serbien. Der soll gef\u00e4lligst arbeiten gehen, und vielen unserer Penner geht es ja auch nicht besser. Aber Leben und Tod, m\u00f6glichst gepaart mit Frauen, Kindern und Schwangeren, das bringt die Quote.<\/p>\n<p>Auch letzteres ist auff\u00e4llig, wenn man genauer hinschaut. Fotos von \u00fcberf\u00fcllten Booten zeigen oft Frauen, obwohl hier in der \u00d6ffentlichkeit fast nur junge M\u00e4nner zu sehen sind. Nicht, dass sie nicht da werden, aber der mediale Trick &#8222;&#8230; darunter Frauen und Kinder&#8220; (ohne genaue Zahlen) wirkt eben. Volker Pispers hat mal recht sarkastisch gesagt, er warte eigentlich nur auf die Meldung &#8222;&#8230; 25 Tote, zum Gl\u00fcck nur M\u00e4nner!&#8220;.<\/p>\n<p>Der finale Propagandatrick liegt in den Zahlen. Die Psychologie ist raffiniert, wenn ihr mal dr\u00fcber nachdenkt, und enth\u00e4lt folgende Steigerungen:<\/p>\n<ul>\n<li>&#8222;&#8230; kommen immer wieder Menschen um &#8230;&#8220; &#8211; naja, ist halt so. Passiert ja auch beim Gardineb\u00fcgeln, dass immer wieder mal einer aus dem Fenster f\u00e4llt.<\/li>\n<li>&#8222;&#8230; ca. 2% erreichen Europa nicht &#8230;&#8220; &#8211; v\u00f6llig unanschauliche Zahl, au\u00dferdem muss ich immer schon 19% MWSt. zahlen. Aber schon besser als die erste Variante.<\/li>\n<li>&#8222;&#8230; sterben ca. 1400 Menschen &#8230;&#8220; &#8211; oh, jetzt wird es schon pers\u00f6nlicher. Aber ca. 1400? Na, das ist offensichtlich ein Sch\u00e4tzwert. K\u00f6nnen ja auch nur 900 sein, und dann ist das ja nicht mehr ganz so schlimm.<\/li>\n<li>&#8220; &#8230; sind 1.408 Menschen ertrunken &#8230;&#8220; &#8211; das ist eine exakte Zahl, \u00fcber die nicht diskutiert werden kann, denn die Angabe ist genau. Die h\u00e4tten wir auch retten k\u00f6nnen, und dann w\u00e4ren es insgesamt wirklich 46.407 und nicht nur 44.999 Gerettete, und das w\u00fcrde den Braten ja nun auch nicht mehr fett machen. Und von wegen Millionen von Fl\u00fcchtlingen! Es sind ja nur noch 46.407 unterwegs gewesen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Man kann die Wirkung noch durch ein Interview mit einer Geretteten steigern\u00a0 (Frau ist wieder wichtig):\u00a0 &#8222;Wir treffen uns mit der 28-j\u00e4hrigen Balima Bulba aus dem Dorf N&#8217;goto in Nigeria, das 453 km von der Hauptstadt entfernt ist. Von hier hat sich die schlanke, ca. 1,73 gro\u00dfe junge Frau auf den Weg gemacht. Bei unserem Treffen hat Balima einen gelben Pullover und eine enge verwaschene Jeans an und hat gerade ihr Fr\u00fchst\u00fcck beendet, dass aus Kaffee und einigen Waffeln bestand. Balima f\u00fchrt uns an einem Raum vorbei, in dem eine Gruppe Kinder Lieder aus der alten Heimat singt &#8230;&#8220; &#8211; danach ist es v\u00f6llig egal, was die junge Frau noch sagt, denn die N\u00e4he zum Empf\u00e4nger ist hergestellt und er identifiziert sich mit ihr wie mit seiner eigenen Tochter, und wehe, im folgenden Interview kommt irgendetwas vor, was man als Vergehen an der eigenen Tochter empfindet!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom 1.1.18 bis zum 30.6.18 sind im Mittelmeer 1.408 Fl\u00fcchtlinge ertrunken. Oder korrekt formuliert: fast beinahe ganz genau exakt ungef\u00e4hr 1.408. 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