{"id":13227,"date":"2026-09-25T09:08:53","date_gmt":"2026-09-25T07:08:53","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=13227"},"modified":"2026-09-25T09:08:54","modified_gmt":"2026-09-25T07:08:54","slug":"gegenentwurf-politische-bloedheit-in-reinstform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2026\/09\/25\/gegenentwurf-politische-bloedheit-in-reinstform\/","title":{"rendered":"Gegenentwurf: politische Bl\u00f6dheit in Reinstform"},"content":{"rendered":"\n<p>Passend zu dem letzten Artikel findet man folgende Pl\u00e4ne der ReGIERenden im Internet:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Am 23. September hat die Bundesregierung einen Fahrplan f\u00fcr die schrittweise Abkehr von fossilen Energietr\u00e4gern vorgelegt. Mit diesem Plan will sie Deutschland bis sp\u00e4testens 2045 klimaneutral machen und die Nutzung von Kohle, \u00d6l und Gas immer weiter zur\u00fcckdr\u00e4ngen. Im Mittelpunkt stehen dabei der Ausbau erneuerbarer Energien sowie die Elektrifizierung der Bereiche Verkehr, W\u00e4rmeversorgung und Industrie.<br><br><br>Bundesumweltminister Carsten Schneider stellte den Fahrplan bei der Generaldebatte der UN-Generalversammlung in New York vor. Zuvor war die sogenannte Roadmap im Bundeskabinett pr\u00e4sentiert worden. Damit ist Deutschland nach Frankreich und den Niederlanden das dritte Land, das einen nationalen Fahrplan f\u00fcr die Abkehr von fossilen Energien vorlegt.<br><br>Hohe Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Energietr\u00e4gern<br><br>Der geplante Umbau setzt bei der nach wie vor hohen Abh\u00e4ngigkeit Deutschlands von fossilen Energietr\u00e4gern an. Laut Angaben des Umweltministeriums entfielen im Jahr 2024 rund 65 Prozent des deutschen Energieverbrauchs auf fossile Brennstoffe. Erd\u00f6lprodukte machten dabei 36 Prozent aus, Erdgas 24 Prozent und Kohle f\u00fcnf Prozent.<br><br>Deutschland ist dabei in erheblichem Umfang auf Importe angewiesen. So wurden 98 Prozent des verwendeten Mineral\u00f6ls und 95 Prozent des Erdgases importiert. Auch Steinkohle wurde vollst\u00e4ndig importiert. Die Gesamtkosten f\u00fcr die Einfuhr fossiler Energietr\u00e4ger beliefen sich im selben Jahr auf 76 Milliarden Euro.<br><br>Die Bundesregierung verbindet den geplanten Umbau daher nicht nur mit dem Klimaschutz, sondern auch mit dem Ziel, die Abh\u00e4ngigkeit von Energieimporten zu verringern. Laut Umweltminister Schneider soll die Abkehr von fossilen Energien zugleich die wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit Deutschlands langfristig st\u00e4rken.<br><br><br>Erneuerbare Energien sollen weiter ausgebaut werden<br><br>Ein Schwerpunkt des Plans ist die Stromerzeugung. Der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch in Deutschland liegt laut Angaben des Umweltministeriums bereits bei rund 55 Prozent. Bis 2030 soll er auf mindestens 80 Prozent steigen.<br><br>Parallel dazu h\u00e4lt die Bundesregierung am Kohleausstieg bis sp\u00e4testens 2038 fest. Laut Reuters wolle man zudem pr\u00fcfen, ob das Ende der Kohleverstromung bereits 2035 erreicht werden kann. Der Ausbau der Stromnetze soll den wachsenden Anteil erneuerbarer Energien flankieren.<br><br>F\u00fcr die verbleibende steuerbare Stromerzeugung setzt das Konzept unter anderem auf Gaskraftwerke. Perspektivisch k\u00f6nnen diese auf gr\u00fcnen Wasserstoff umgestellt werden. Bis 2045 ist der Aufbau eines klimaneutralen Kraftwerksparks ohne fossile Energietr\u00e4ger vorgesehen. Unterst\u00fctzt werden soll dieser Prozess durch den EU-Emissionshandel, der die Zahl der Zertifikate f\u00fcr fossile Kraftwerke schrittweise reduziert.<br><br>Auch der Verkehr setzt st\u00e4rker auf Strom<br><br>Der verst\u00e4rkte Einsatz von Elektrizit\u00e4t soll sich auch im Verkehrssektor fortsetzen. Dem Bericht von Reuters zufolge sieht der Plan vor, dass batterieelektrische Fahrzeuge bis 2035 100 Prozent der Pkw-Neuzulassungen ausmachen.<br><br>Diese Zielsetzung steht im Kontrast zu den Forderungen einiger konservativer Politiker. Dazu geh\u00f6rt auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, die Verbrennungsmotoren mit alternativen Kraftstoffen eine gr\u00f6\u00dfere Rolle einr\u00e4umen will.<br><br>Laut dem Bundesumweltministerium waren im August 2026 bereits rund ein Drittel der neu zugelassenen Pkw in Deutschland vollelektrisch. Die Bundesregierung will den Ausbau der Ladeinfrastruktur weiter vorantreiben. Zudem soll eine sozial gestaffelte F\u00f6rderung Haushalten mit unterschiedlichen Einkommen den Umstieg auf Elektromobilit\u00e4t erleichtern.<br><br>W\u00e4rmepumpen durch \u00d6l- und Gasheizungen ersetzen<br><br>Auch bei der W\u00e4rmeversorgung setzt der Plan auf eine st\u00e4rkere Elektrifizierung. Demnach sollen W\u00e4rmepumpen und Fernw\u00e4rme Heizsysteme auf Basis von \u00d6l und Gas zunehmend ersetzen. Laut Angaben des Umweltministeriums wurden 2025 in Deutschland erstmals mehr W\u00e4rmepumpen als Gasheizungen verkauft.<br><br>In dem Konzept werden \u00d6l- und Gasheizungen mit einem wachsenden Anteil klimaneutraler Brennstoffe vor allem f\u00fcr die \u00dcbergangsphase ber\u00fccksichtigt. Reuters zufolge sollen W\u00e4rmepumpen in den kommenden Jahren das dominierende Heizsystem in Deutschland werden.<br><br>Auch in der Industrie setzt man vermehrt auf Strom<br><br>Der geplante Umbau betrifft nicht nur die Stromversorgung, den Verkehr und die privaten Haushalte. Auch die Industrie soll st\u00e4rker elektrifiziert und modernisiert werden.<br><br>Die Bundesregierung will Investitionen in die Dekarbonisierung mit F\u00f6rderprogrammen unterst\u00fctzen. Erg\u00e4nzend dazu sollen die Preissignale des EU-Emissionshandels sowie der CO\u2082-Grenzausgleich wirken. Ziel ist es, industrielle Prozesse schrittweise unabh\u00e4ngiger von fossilen Energietr\u00e4gern zu machen.<br><br>Deutschland will internationale Initiative vorantreiben<br><br>Der deutsche Fahrplan steht zugleich im Zusammenhang mit internationalen Beschl\u00fcssen zum Ausstieg aus fossilen Energien. Auf der UN-Klimakonferenz COP28 in Dubai hatte die internationale Gemeinschaft im Jahr 2023 beschlossen, die Abkehr von fossilen Energietr\u00e4gern zu beschleunigen.<br><br>Mit seinem nationalen Plan will Deutschland nach Angaben des Umweltministeriums weitere L\u00e4nder dazu bewegen, eigene konkrete Pl\u00e4ne vorzulegen. Frankreich und die Niederlande haben bereits entsprechende Pl\u00e4ne ausgearbeitet.<br><br>Auch auf internationaler Ebene soll der Prozess weitergef\u00fchrt werden. So will die brasilianische Pr\u00e4sidentschaft der UN-Klimakonferenz im Oktober einen internationalen Fahrplan zur Abkehr von fossilen Energien ver\u00f6ffentlichen. Im April berieten zudem 57 L\u00e4nder, darunter Deutschland, bei einer internationalen Konferenz im kolumbianischen Santa Marta \u00fcber den Ausstieg aus Kohle, \u00d6l und Gas.<br><br>Zwischen Klimazielen und Wirtschaftsinteressen<br><br>Mit dem Fahrplan verbindet die Bundesregierung den Ausstieg aus fossilen Energien mit einer grundlegenden Modernisierung der deutschen Wirtschaft. Zugleich muss sie die Voraussetzungen daf\u00fcr schaffen, dass der Umbau auch wirtschaftlich tragf\u00e4hig bleibt.<br><br>Damit steht Deutschland vor der Herausforderung, den wachsenden Strombedarf mit ausreichend erneuerbarer Energie, Netzen und Speicherkapazit\u00e4ten zu decken und zugleich die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Industrie zu wahren. Wie sich diese Ziele miteinander vereinbaren lassen, d\u00fcrfte die weitere Ausgestaltung der Energiewende ma\u00dfgeblich bestimmen.<\/pre>\n\n\n\n<p>Dieser Text liest sich wie das empirische Lehrbuchbeispiel f\u00fcr genau jene Mechanismen, die im letzten Artikel isoliert wurden: Ein politischer Fahrplan, der \u00fcber starre Jahreszahlen (2035, 2038, 2045) und administrative Technologienovellen versucht, ein hochkomplexes, dynamisches System top-down zu steuern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der geplante Umbau kollidiert an vier zentralen Stellen direkt mit der geowissenschaftlichen und \u00f6konomischen Realit\u00e4t:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Das Monotargeting-Dilemma (Verletzung der Technologieneutralit\u00e4t)<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Fahrplan setzt fast ausschlie\u00dflich auf die <strong>All-Electric-Strategie<\/strong> (W\u00e4rmepumpen, BEVs, Industrie-Elektrifizierung).<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Das Problem:<\/strong> Das ist die Reinform des Monotargetings. Statt das Ziel ($\\text{CO}_2$-Reduktion) vorzugeben und den Weg dem Wettbewerb um die beste energetische Leistungsdichte und Infrastruktur zu \u00fcberlassen, wird der L\u00f6sungsweg administrativ diktiert (100 % BEV-Neuzulassungen bis 2035).<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Der Konflikt:<\/strong> Die im Artikel erw\u00e4hnte Debatte um Ministerin Reiche zeigt genau den Riss im System: Der Versuch, Verbrennungsmotoren mit synthetischen Kraftstoffen (E-Fuels) vorab per Beschluss auszuschlie\u00dfen, ignoriert, dass E-Fuels weltmarktf\u00e4hige Molek\u00fcle sind, die auf bestehende Logistikketten treffen, w\u00e4hrend der reine Strompfad gigantische Investitionen in Netze und Ladeinfrastruktur erzwingt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Die thermodynamische Wette auf \u201eGr\u00fcnen Wasserstoff\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Plan sieht vor, steuerbare L\u00fccken in der Stromerzeugung durch Gaskraftwerke zu decken, die \u201eperspektivisch auf gr\u00fcnen Wasserstoff umgestellt werden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Die Realit\u00e4t des EROEI:<\/strong> Wie wir oben berechnet haben, leidet der Pfad <em>Strom $\\rightarrow$ Elektrolyse ($H_2$) $\\rightarrow$ Transport $\\rightarrow$ R\u00fcckverstromung in der Gasturbine<\/em> unter einem verheerenden Gesamtwirkungsgrad (oft unter 30\u201335 %).<\/li>\n\n\n\n<li>Man ben\u00f6tigt also die dreifache Menge an erneuerbarem Prim\u00e4rstrom, nur um eine Terawattstunde steuerbaren Wasserstoff-Strom f\u00fcr Flautenzeiten vorzuhalten. Das versch\u00e4rft den Fl\u00e4chen- und Materialbedarf der Erneuerbaren im Inland drastisch.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Das Import-Paradoxon: Verschiebung statt Aufhebung der Abh\u00e4ngigkeit<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Umweltministerium argumentiert mit dem Abbau von Importabh\u00e4ngigkeiten (bisher 76 Mrd. Euro f\u00fcr \u00d6l, Gas, Kohle).<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Der Denkfehler:<\/strong> Aufgrund der geringen Leistungsdichte ($\\text{W\/m}^2$) von Wind und Photovoltaik in Mitteleuropa wird Deutschland die Mengen an gr\u00fcnem Wasserstoff f\u00fcr die Industrie und die Kraftwerke niemals im Inland erzeugen k\u00f6nnen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Folge:<\/strong> Die fossile Importabh\u00e4ngigkeit von Erd\u00f6l-Exportanten wird schlicht durch eine neue Importabh\u00e4ngigkeit von Wasserstoff-Exportierten (z. B. Nordafrika, S\u00fcdamerika, Nahost) ersetzt. Der finanzielle und logistische Aufwand bleibt bestehen \u2013 er wechselt nur das Molek\u00fcl.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4. Das Drosseln der Abfederm\u00f6glichkeiten (Kein R\u00fcckgriff auf hohe Leistungsdichten)<\/h3>\n\n\n\n<p>Indem Deutschland den Atomausstieg vollzogen hat und den Kohleausstieg wom\u00f6glich auf 2035 vorzieht, kappt die Politik eigenh\u00e4ndig jene heimischen Energiequellen mit hoher Leistungsdichte bzw. gesicherter Grundlast.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Das System verliert seine Tr\u00e4gheit und Pufferkapazit\u00e4t. Jede Schwankung in den erneuerbaren Netzen muss nun \u00fcber extrem teure, subventionierte Wasserstoff-Schattenkapazit\u00e4ten oder den Stromimport aus dem Ausland abgefangen werden.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Wie stark die politische Steuerung zur Reduktion auf reine Kennzahlen neigt, zeigt die aktuelle Roadmap der Bundesregierung: Statt das Erreichen von Resilienz und Bezahlbarkeit offen auf dem Markt der Technologien auszutragen, fixiert sich der Plan auf sektorale Elektrifizierungs-Quoten und den Hoffnungstr\u00e4ger des gr\u00fcnen Wasserstoffs. Er behandelt ein dynamisches Energiesystem wie eine mathematische Gleichung, bei der man die Stellschrauben per Dekret auf das Jahr 2045 einstellen kann \u2013 w\u00e4hrend die thermodynamischen Wirkungsgrade und infrastrukturellen Tr\u00e4gheiten in der Praxis unnachgiebig wirken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zivilisationsgeschichte ist die Geschichte steigender Energiedichten. Der \u00dcbergang von Holz zu Kohle und von \u00d6l zu Atom befreite den Menschen von den Grenzen der Witterung und der Scholle. Der aktuelle Fahrplan zur Abkehr von fossilen Energien dreht dieses Rad erstmals in der Geschichte um: Er verordnet einer hochkomplexen Industriegesellschaft die R\u00fcckkehr zu fl\u00e4chenintensiven, wetterabh\u00e4ngigen Energiequellen \u2013 und verkauft diesen thermodynamischen R\u00fcckschritt als Modernisierung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Passend zu dem letzten Artikel findet man folgende Pl\u00e4ne der ReGIERenden im Internet: Download Artikel als PDF<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-13227","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13227"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13228,"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13227\/revisions\/13228"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}