{"id":13081,"date":"2026-07-30T08:27:31","date_gmt":"2026-07-30T06:27:31","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=13081"},"modified":"2026-07-30T08:27:31","modified_gmt":"2026-07-30T06:27:31","slug":"mach-doch-mal-einer-den-ofen-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2026\/07\/30\/mach-doch-mal-einer-den-ofen-aus\/","title":{"rendered":"Mach doch mal einer den Ofen aus!"},"content":{"rendered":"\n<p>Die EU hat Ma\u00dfnahmen zum &#8222;Schutz der heimischen Stahlindustrie&#8220; beschlossen. Damit sich das lohnt, wird der Stahl aber erst einmal verteuert: im Rahmen des CO2-Wahns fallen demn\u00e4chst CO2-Abgaben in H\u00f6he von ca. 500 \u20ac\/to. Um diesen Betrag erh\u00f6hen sich die Produktionskosten beispielsweise von Fahrzeugen, bei denen man davon ausgehen kann, dass so ein ordentlicher Klotz mindestens eine Tonne Stahl in sich tr\u00e4gt. Zuz\u00fcglich Mehrwertsteuer, versteht sich.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Einem Stahl verbrauchenden Industriebetrieb stehen damit genau 4 M\u00f6glichkeiten in der Zukunft zur Verf\u00fcgung:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Er verwendet weiterhin den normalen heimischen Stahl und zahlt pro Tonne eben einen Aufpreis.<\/li>\n\n\n\n<li>Er bezieht Stahl aus dem Ausland, der aber durch EU-Ma\u00dfnahmen k\u00fcnstlich verteuert wird, so dass am Ende das Gleiche herauskommt: das Auto wird in der Produktion deutlich teurer.<\/li>\n\n\n\n<li>Er kauft deutschen imagin\u00e4ren Stahl aus nicht existierender Wasserstofftechnologie und \u00e4rgert sich hinterher \u00fcber den technikuneinsichtigen Kunden, dessen Nachfrage f\u00fcr imagin\u00e4re Automobile bei Null liegt.<\/li>\n\n\n\n<li>Er packt die Koffer und verlagert alles ins Ausland.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Falls nun Stahl aus dem Ausland bezogen wird, gilt eine Art Lieferkettengesetz: der Importeur muss bis hin zum umweltgerechten Ern\u00e4hrung der Arbeiter mit flatulenzmindernder Nahrung (Methan) erst mal nachweisen, wie der Stahl gewonnen wurde. Dann muss er so genannte Zertifikate nachkaufen, die den Auslandsstahl steuerm\u00e4\u00dfig auf das gleiche Level heben wie den Inlandsstahl. CO2-Abgabe oder Zertifkate &#8211; es ist nichts anderes als eine zus\u00e4tzlich Steuer, die im S\u00e4ckel des Staates versickert. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht existierende Technologie? Aber Wasserstoffstahl gibt es doch! Also schauen wir uns das genauer an. Dabei muss man sich zun\u00e4chst und zwischendurch immer wieder die Gr\u00f6\u00dfenordnung klar machen, \u00fcber die gesprochen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst braucht man Erze. Die kommen beispielsweise aus Brasilien per Schiff. Die ganz gro\u00dfen transozeanischen Erzfrachter transportieren bis zu 1 Million (!) Tonnen auf einer Fahrt. Bereits Be- und Entladen ist eine Kunst f\u00fcr sich, damit der Pott nicht zum U-Boot wird, wenn man zu viel von einer Stelle auf einmal entl\u00e4dt. Daran \u00e4ndert sich nichts, falls hier noch weiter produziert wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Herk\u00f6mmliche Produktion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man mischt Erz, Koks und Zuschlagstoffe und erhitzt das Ganze im Hochofen. Koks ist fast reiner Kohlenstoff, der aus geeigneten Kohlesorten durch Erhitzen unter Sauerstoffmangel erzeugt wird. Der Koks \u00fcbernimmt zwei Aufgaben: <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Er liefert die notwendige Temperatur im Gemisch, damit sich \u00fcberhaupt etwas tut, durch normale Verbrennung: Koks + Sauerstoff = CO2. <\/li>\n\n\n\n<li>Er reduziert das Erz zu Eisen: Koks + Eisenerz = Eisen + CO2<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Das Ganze l\u00e4uft mehr oder weniger kontinuierlich ab: vor dem Hochofen gibt es einen Haufen Silos, aus denen Erz, Koks und gezielte Zuschlagsstoffe in Eimer abgef\u00fcllt werden, die oben am Hochofen auf den Inhalt draufgekippt werden. Die hei\u00dfen Abgase (CO2 und CO) werden verwendet, um die Luft, die unten kontinuierlich wie beim Start eines Grills eingeblasen werden, auf bis 800\u00b0C vorzuheizen (und danach f\u00fcr andere Zwecke als Prozessgas genutzt). Unten im Ofen sammeln sich Eisen und dar\u00fcber Schlacke an, beides fl\u00fcssig. Die Zuschlagsstoffe sorgen daf\u00fcr, dass unerw\u00fcnschte Stoffe im Erz in die Schlacke wandern, erw\u00fcnschte Stoffe hinzu gef\u00fcgt werden und die Schlacke auch sauber und getrennt auf dem Eisen schwimmt. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden wird der Ofen unten so ge\u00f6ffnet (abgestochen), dass Eisen und Schlacke in fl\u00fcssiger Form in gro\u00dfen Kocht\u00f6pfen aufgefangen werden k\u00f6nnen (Fassungsverm\u00f6gen so um die 200 to). <\/p>\n\n\n\n<p>Alles ist so optimiert, dass man das passende Roheisen f\u00fcr Massenstahl bis zu den winzigsten Mengen an Spezialst\u00e4hlen alles gezielt erzeugen kann. Wobei &#8222;winzigste Mengen&#8220; Gr\u00f6\u00dfenordnungen vom 500 to bis zu einigen Tausend Tonnen umfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlacke wird zum Abk\u00fchlen ausgekippt und ist der Rohstoff f\u00fcr Baustoffe unterschiedlichster Art bis hin zu D\u00fcngemitteln, also kein Abfall.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Roheisen enth\u00e4lt ca. 4% Kohlenstoff, was f\u00fcr die meisten Zwecke ungeeignet ist. Es kommt in einen Konverter (200 to oder mehr), in den unten Sauerstoff eingeblasen und der Kohlenstoff damit zu CO2 verbrannt wird. Durch weitere Zuschlagstoffe kann die Zusammensetzung des Stahls nun genau eingestellt werden. Das immer noch fl\u00fcssige Rohprodukt wird je nach weiterem Prozesse in Beh\u00e4lter f\u00fcr die Schmiede zum Abk\u00fchlen abgef\u00fcllt oder direkt kontinuierlich in Walzstra\u00dfen eingespeist. Wir reden insgesamt in der Regeln von mehreren Millionen Tonnen! Pro Werk!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wasserstoffstahl<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Statt Koks braucht man Wasserstoff. Der wird in das zerkleinerte Erz geblasen, das dazu erst einmal aufgeheizt werden muss, damit die Reaktion &#8222;Eisenerz + Wasserstoff = Eisen + Wasser&#8220; \u00fcberhaupt stattfindet. Das geht zwar nicht bis den Temperaturbereich wie beim herk\u00f6mmlichen Verfahren &#8211; die Fl\u00fcssigphase wird nicht erreicht &#8211; aber am Grunds\u00e4tzlichen \u00e4ndert sich nichts: formal muss man Wasserstoff verbrennen, um auf Betriebstemperatur zu kommen, danach setzt die Reduktion ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Produkt ist Eisenschwamm, in der Regel in dieser Form v\u00f6llig unbrauchbar. Er enth\u00e4lt immer noch Stoffe aus dem Erz, die man nicht sehen m\u00f6chte, und noch keine Stoffe, die man drin haben m\u00f6chte. Zu den wichtigsten Stoffen, die rein geh\u00f6ren, z\u00e4hlt Kohlenstoff. Damit man weiter kommt, muss der Schwamm erst einmal aufgeschmolzen werden. Normalerweise macht man das elektrisch (induktiv oder Lichtbogen), wozu man Unmengen an Strom ben\u00f6tigt, die man auch erst einmal haben muss (vermutlich auch aus Wasserstoffkraftwerken, wenn man den Idelogien folgt).  Einmal fl\u00fcssig kann der gewiefte Chemiker die Stahlqualit\u00e4t wieder so einstellen wie im anderen Verfahren, wobei aber jedem klar sein d\u00fcrfte, dass die Verfahrensschritte sich nicht unwesentlich vom alten Verfahren unterscheiden. Der Rest l\u00e4uft wie gewohnt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nicht existierende Technologie?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Klar, im Labor klappt das. Vielleicht auch noch im Technikum mit ein paar Hundert Kilogramm. Es sei aber daran erinnert, dass in dem Gewerbe selbst &#8222;winzigste Mengen&#8220; in der Gr\u00f6\u00dfenordnung vom ca. 500 to beginnen! Dazu muss man erst einmal enstprechende Mengen an Wasserstoff produzieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Angedacht ist die Produktion durch Elekrolyse, wobei der Strom aus Photovoltaik-Anlagen in irgenwelchen W\u00fcstengebieten stammt. Photovoltaik-Farmen kennt jeder. Stehen inzwischen neben jeder Autobahn. Will man das realisieren, sprechen wir aber nicht \u00fcber Farmen in der Ausdehnung von ein paar Fu\u00dfballfeldern, sondern von Gebilden mit einer Kantenl\u00e4nge vom 100 x 100 km = 10.000 km\u00b2. Zuz\u00fcglich entsprechende dimensionierte Elektrolyseanlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kommt der Wasserstoff dann zu den Reaktoren? Pipelines? Die w\u00e4ren noch l\u00e4nger als die l\u00e4ngsten Gaspipelines und obendrein macht elementarer Wasserstoff die Rohre spr\u00f6de. Gastanker wie bei LNG? W\u00e4hrend die Gasverfl\u00fcssigung daf\u00fcr sorgt, dass die CO2-Bilanz von Erdgas schlechter ist als die von Kohle, bricht bei der Wasserstoffverfl\u00fcssigung der Wirkungsgrad auf deutlich unter 10% ein. Und gegen einen Unfall eines solchen Tankers in einem Hafen w\u00fcrden sich die Hamburger und Dresdner Feuerst\u00fcrme im 2. Weltkrieg wie harmlose Lagerfeuer ausnehmen. Gr\u00fcner Wasserstoff, also Ammoniak? Auch hier w\u00fcrden zus\u00e4tzliche Techniken notwendig, die die Wirkungsgrade ins bodenlose einbrechen lassen &#8211; abgesehen, dass auch das Zeug wesentlich unangenehmer ist als LNG.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: die Technologie existiert nicht im notwendigen Ma\u00dfstab und wird auch nie existieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Spezis haben noch ein As im \u00c4rmel: Wasserstoff aus Erdgas. Ein Verfahren, das funktioniert, auch im gr\u00f6\u00dferen Ma\u00dfstab. Allerdings w\u00e4re das so, als w\u00fcrde man die heutigen Verfahren so modifizieren, dass vorne statt 1 to Kohle nun 5 to oder mehr hineingesteckt werden, w\u00e4hrend hinten immer noch das gleiche herauskommt. Kohle reicht noch f\u00fcr ein paar Tausend Jahre, bei Erdgas reden wir aber schon beim heutigen Verbrauch eher von ca. 100Jahren. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alternative<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schon erstaunlich, dass vermutlich jeder Chemiker (zumindest die der \u00e4lteren Generation, die sich noch nicht mit dem korrekten Gendern der verschiedenen Kohlenwasserstoff*innen auseinander setzen musste) problemlos diese Beziehungen herstellen kann, w\u00e4hrend die Konzernleitungen der Stahlkocher noch nicht einmal vorsichtig protestieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der heutigen Firmenphilosophie ist das auch nicht n\u00f6tig. Selbst ohne jegliche Kenntnis, was in dem von ihm geleiteten Konzern eigentlich produziert wird, liefern die betriebs- und finanzwirtschaftlichen Kennzahlen auch so nach einiger Zeit die Option 4 als umzusetzende L\u00f6sung, wobei man vielleicht noch einen Berater einschaltet, um die Quartalszahlen auf einem passenden Niveau f\u00fcr eine Boni-Erh\u00f6hung zu halten, obwohl alles den Bach hinab geht.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das dann nicht mehr arbeitende Volk bleibt dann immer noch eine seit mehreren 10.000 Jahren bew\u00e4hrte Technologie statt Eisen und Stahl: geschickt angeschlagener Feuerstein hat gen\u00fcgend scharfe Kanten, um auch weiterhin Messerstecherein zu veranstalten. Also: Back to the Roots &#8211; mit Faustkeil, Schleuder, Wurfholz und Bogen ziehen wir gegen Russeland. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die EU hat Ma\u00dfnahmen zum &#8222;Schutz der heimischen Stahlindustrie&#8220; beschlossen. 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