{"id":12739,"date":"2026-04-10T08:58:18","date_gmt":"2026-04-10T06:58:18","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=12739"},"modified":"2026-04-10T08:58:18","modified_gmt":"2026-04-10T06:58:18","slug":"loesung-der-scheinheiligen-art","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2026\/04\/10\/loesung-der-scheinheiligen-art\/","title":{"rendered":"L\u00f6sung der scheinheiligen Art"},"content":{"rendered":"\n<p>Traditionell gibt es wohl keinen Stand, der \u00fcber Jahrtausende so systematisch ausgepl\u00fcndert wurde und wird wie die Bauern. Mancher mag meinen, Arbeiter werden genauso ausgepl\u00fcndert, aber der feine Unterschied ist, dass Arbeiter schon zu Beginn der Auspl\u00fcnderung so arm wie Kirchenm\u00e4use sind, w\u00e4hrend Bauern der \u00fcber viele Generationen aufgebaute Besitz gestohlen wird.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Bei Bauernprotesten geht es bekanntlich oft handfester zu: von angemeldeten Korsos \u00fcber nicht angemeldete und Stra\u00dfensperren bis hin zum Abladen von Mist vor der Rathaust\u00fcr, falls das Rathaus nicht gleich mit G\u00fclle geflutet wird. Das w\u00fcrden die Bauern kaum machen, wenn vielen von ihnen nicht das Wasser bis zum Hals st\u00fcnde. Die Reaktion der Beh\u00f6rden auf solche Proteste ist l\u00e4nderspezifisch unterschiedlich, aber wen sie rannehmen, den kann das den Rest seiner Existenz kosten, finanziell oder durch Wegnahme der Konzession.<\/p>\n\n\n\n<p>Bauern sind doch reich, meint man, sitzen sie doch auf gro\u00dfen L\u00e4ndereien, die auch etwas wert sind. Der Irrtum dabei ist, dass man davon ausgeht, der Bauer k\u00f6nne mit seinem Eigentum so umgehen wie der normale B\u00fcrger. Aber das stimmt nicht. Wird ein Acker eine gewisse Zeit nicht mehr gepfl\u00fcgt, wird er irreversibel zu Gr\u00fcnland, das nur einen Bruchteil des Wertes aufweist. Gleiches gilt beispielsweise auch f\u00fcr Weinbauern. So mancher Bauer pfl\u00fcgt sein Land, ohne tats\u00e4chlich in dem Jahr etwas anbauen zu wollen, nur um nicht staatlicherseits um sein Eigentum gebracht zu werden. Maschinen sind extrem teuer und der Bauer kann sich aussuchen, ob er Lohnunternehmer beauftragt oder sich mit eigenen Maschinen hoch verschuldet. Und er kann nicht anbauen, was er will: was er wann anbauen darf, wieviel D\u00fcnger er ausbringen muss und vieles andere bestimmt nicht er als Kenner der Materie, sondern irgendein anonymer Beamtenarsch in einem fernen B\u00fcro. Und \u00fcber alles ist Buch zu f\u00fchren: oft geht dabei halb so viel Arbeitszeit drauf wie f\u00fcr die eigentliche Landarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommen Umweltauflagen, die einzuhalten sind, sonst werden massive Bu\u00dfgelder f\u00e4llig. Und wer seinen Stall nach neuesten Vorgaben umgebaut und 1 Mio \u20ac investiert hat, ist nicht etwa auf der sicheren Seite: in 2 Jahren kann eine neue Vorgabe kommen und sein gerade umgebauter Stall zu einer Altlast erkl\u00e4rt werden. Noch nicht einmal \u00fcber das Saatgut ist er Herr: oft durch Gentechnik modifizierte Sorten werden von der Industrie verkauft. Der Bauer darf von der Ernte nicht einen Teil zur\u00fccklegen und im n\u00e4chsten Jahr auss\u00e4hen, wie es f\u00fcher \u00fcblich war, sondern muss das Saatgut erneut beim Konzern kaufen. Gleichzeitig werden alte Sorten verboten mit der Begr\u00fcndung, dass Gene ja wandern w\u00fcrden und daher altes Saatgut durch Gene ver\u00e4ndert wird, auf das der Konzern ein Patent hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich ist der Bauer durch den Boden, der ihm geh\u00f6rt, ein formal reicher Mann, juristisch gesehen aber eher ein Leibeigener des Staates, der sofort alles verliert, wenn er nicht spurt. Entsprechend ist der psychische Druck, dem sich Bauern ausgesetzt sehen, extrem hoch. Die Selbstmordrate ist fast doppelt so hoch wie in anderen Berufszweigen. In Frankreich gibt es pro Tag statistisch 2 Selbstmorde von Bauern &#8211; nach Ansicht von Experten mit sehr hoher Dunkelziffer, da vieles getarnt wird, um Lebensversicherungen nicht zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispiel Indien: dort verschuldeten sich viele Bauern bis \u00fcber beide Ohren f\u00fcr Baumwollsaaten von Monsanto. Statt des versprochenen Mehrertrags sanken aber die Ertr\u00e4ge gegen\u00fcber den zuvor angebauten Sorten &#8211; die es gem\u00e4\u00df dem Patentrecht aber in Indien auch nicht mehr gibt. Ergebnis: eine Selbstmordrate sonder Gleichen unter indischen Baumwollbauern, die sich &#8211; das zynisch-ironische Moment an diesem Beispiel &#8211; vielfach durch Trinken von Glyphosat, also dem Wundermittel, das h\u00f6here Ertr\u00e4ge sichern sollte, das Leben nahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu Deutschland und dem Titel des Beitrags. Im gr\u00fcnen L\u00e4ndle BaW\u00fc ist das physische Bauernsterben, vermutlich strukturbedingt noch etwas h\u00f6her als in anderen Bundesl\u00e4ndern, selbst der selbstgerechten widerlichen Politmischpoke aufgefallen. Und man sinnt auf Abhilfe. Wie? Nat\u00fcrlich durch eine weitere b\u00fcrokratische Ma\u00dfnahme:<\/p>\n\n\n\n<p>Man schafft ein spezielles Amt f\u00fcr b\u00e4uerliche psychologische Beratung. Die Bev\u00f6lkerung ist aufgerufen, psychisch auff\u00e4llige Bauern bei diesem Amt zu denunzieren, damit es bei den suizidgef\u00e4hrdeten beratend eingreifen kann. Vermutlich in Form einer verpflichtenden Zwangsberatung als Zusatz zu den anderen b\u00fcrokratischen Verpflichtungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heuchlerischer und verlogener geht es wohl kaum noch. Erst treibt man die Leute vors\u00e4tzlich und unn\u00f6tig in den Ruin und die psychologische Falle, und dann bietet man ihnen Stressberatung an. <\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: nicht nur immer mehr H\u00f6fe gehen in Insolvenz, immer mehr Bauern geben auf bzw. die Erben \u00fcbernehmen den Hof nicht mehr, sondern verkaufen das Land an den n\u00e4chsten Konzern. Aus dem Erl\u00f6s fallen zwar ca. 40% Steuern an, aber lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Was dann noch \u00fcbrig ist, bringt an der B\u00f6rse vermutlich bessere Gewinne als der Hof, und das auch wesentlich stressfreier.  Und wer dennoch Bauer werden will: in Sibirien wird Land g\u00fcnstig angeboten und man kann Bauer sein, ohne Hunderte von b\u00fcrokratischen H\u00fcrden meistern zu m\u00fcssen. Vermutlich muss man sich mit der \u00f6rtlichen Mafia einigen, aber das d\u00fcrfte einfacher sein als mit europ\u00e4ischen B\u00fcrokraten. <\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: L\u00e4sst ein Bauer sein Land brach liegen, entfallen die Anbaurechte und der Wert des Landes sinkt oft ein 1\/10. Das hatten wir oben schon erw\u00e4hnt. Zus\u00e4tzlich erw\u00e4hnen muss man noch, dass das Finanzamt den alten Wert veranschlagt und davon 40% als Steuern fordert, d.h. 4x so viel, wie der Eigent\u00fcmer jetzt noch durch einen Verkauf erzielen kann. Wenn ein Verkauf vorher nicht gelingt (weil der Konzern beispielsweise das Anbaurecht nicht braucht, aber das Land haben will), bleibt dem Bauern nur Verlustbewirtschaftung oder Selbstmord.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Traditionell gibt es wohl keinen Stand, der \u00fcber Jahrtausende so systematisch ausgepl\u00fcndert wurde und wird wie die Bauern. Mancher mag meinen, Arbeiter werden genauso ausgepl\u00fcndert, aber der feine Unterschied ist, dass Arbeiter schon zu Beginn der Auspl\u00fcnderung so arm wie Kirchenm\u00e4use sind, w\u00e4hrend Bauern der \u00fcber viele Generationen aufgebaute Besitz gestohlen wird. 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