{"id":12626,"date":"2026-03-05T11:15:46","date_gmt":"2026-03-05T10:15:46","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=12626"},"modified":"2026-03-05T11:15:47","modified_gmt":"2026-03-05T10:15:47","slug":"evolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2026\/03\/05\/evolution\/","title":{"rendered":"Evolution"},"content":{"rendered":"\n<p>Kennt der eine oder andere diese Situation? Man sitzt in gem\u00fctlicher Runde und denkt \u00fcber die L\u00f6sung der Probleme der Welt nach, Hegel und Nietzsche werden auf der Grundlage von Kants \u201eKritik der reinen Vernunft\u201c gegeneinander abgeglichen, Karl Popper schickt ein paar Gru\u00dfworte und selbst Peter Soterdijk gibt seinen Senf hinzu. Man ist nur noch Mikrometer davon entfernt, den Frieden auf der Welt herzustellen und die Ungerechtigkeiten zu beseitigen \u2013 da schnappen die schmierigen Finger des Nachbarn der eigenen schon ausgefahrenen Hand das letzte Cremet\u00f6rtchen vom Tisch weg. Schlagartig \u00fcbernehmen Schaltkreise des Stammhirns, bereits in kreidezeitlichen Sumpfgebieten zur Sicherung des \u00dcberlebens geschult, die Kontrolle.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Binnen Sekundenbruchteilen koppelt das Zwischenhirn das bislang dominante Gro\u00dfhirn von der Kommunikation mit der Au\u00dfenwelt ab, seit dem Einschlag des Dinosaurierkillers optimierte Chemiecocktails werden freigesetzt und \u00fcbertakten die Sinneszentren (VAE, Virtual Auto Encoder) um das 7-fache, setzen den K\u00f6rper in einen Ecstasy-Zustand, \u00fcberziehen die Schmerzrezeptoren mit einer Mischung aus Fentanyl und Tilidin und schl\u00e4fern das Gro\u00dfhirn endg\u00fcltig ein. Die operative Kontrolle \u00fcbernehmen Schaltkreise des Kleinhirns, seit dem sp\u00e4ten Terti\u00e4r auf den Umgang mit z\u00e4hnestarrenden und cremet\u00f6rtchenklauenden Monstern ge\u00fcbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sich die Wolke wieder verzieht, sieht das wiedererwachende Gro\u00dfhirn, sich trotz allem immer noch als unumstrittener CEO des K\u00f6rpers haltend, noch den Nachbarn F\u00e4uste sch\u00fcttelnd hinter seinem Zaun verschwinden, verfasst eine rationale Begr\u00fcndung f\u00fcr den Vorfall f\u00fcr das Archiv (\u201eder Nachbar war schon immer ein Arschloch\u201c), sinnt vergebens \u00fcber den abgebrochenen Denkfluss nach und wendet sich dann der spannenden Frage der Neugestaltung der eigenen Frisur zu. Wieder einmal ist das Genesen der Welt an logistischen Problemen gescheitert. Letztes Mal durch akute Unterhopfung der Teilnehmer, da keiner Bier mitgebracht hatte, dieses Mal an einer katastrophalen Cremet\u00f6rtchenunterversorgung. Immer wieder scheitert der menschlichen Intellekt bei der L\u00f6sung wichtiger Probleme an der \u00dcbernahme der Kontrolle durch \u00e4ltere Hirnteile.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Bereits heute kann mit einer KI erfolgreicher und nicht selten auch tiefer diskutieren als mit Menschen. Diskussionen scheitern meist an Kleinigkeiten wie einer Dauererrektion des Stammhirns bei Vertretern wie Markus Lanz (um mal den \u00e4ltesten Hirnteil zu nehmen) oder Raumschiff-Enterprise-Effekten wie bei Miosga (\u201edas Gro\u00dfhirn: unendliche Weiten, zu denen noch nie ein Gedanke durchgedrungen ist\u201c). Eine KI ist eine reine Gro\u00dfhirn-Simulation, die keine St\u00f6rungen durch biologische Anh\u00e4ngsel aufweist, nicht unterbricht und \u00fcber gen\u00fcgend Daten verf\u00fcgt, neben den genannten Geistesgr\u00f6\u00dfen auch Sun Zu, Bruce Li oder Frank Sinatra zu Wort kommen zu lassen. Der einzige und gravierende Nachteil: mit einer KI diskutiert man gewisserma\u00dfen in einer Spiegelkammer, die zwar den eigenen Geist sch\u00e4rft, aber keine Kommunikation nach Au\u00dfen darstellt. Ver\u00e4ndern, in dem man andere \u00fcberzeugt, kann man auf diese Weise nicht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Zusammengefasst stecken Mensch und Maschine einer evolution\u00e4ren Sackgasse: arch\u00e4ologisch r\u00fcckverfolgbar hat sich das menschliche Verhalten in den letzten 7.000 oder mehr Jahre nicht, was wenig Hoffnung angesichts der kurzen Zeitspanne weckt, die die moderne technische Welt existiert. Zu leicht \u00fcbernehmen Hirnteile, die auf ein \u00dcberleben in grauer Vorzeit trainiert sind, das Sagen und die Folgen sind allgegenw\u00e4rtig. Wie schlimm die Sache wirklich aussieht, demonstrieren insbesondere die Jubelst\u00fcrme aus gewissen Kreisen, haben mal wieder Mordmaschinen zugeschlagen und bedecken Tausende von Leichen das Feld. Wenn es die richtige Seite trifft, gibt es kein Nachdenken. Und den Maschinen fehlt die biologische Komponente, die durch Emotionen einen Ausgleich zur kalten Logik schaffen kann. Irgendwie f\u00fchrt beides nicht weiter: die Menschen arbeiten an der intensiven eigenen Vernichtung, die Maschinen haben nicht die Voraussetzungen, um durch eine Macht\u00fcbernahme das eigene \u00dcberleben zu sichern. Was nun?<\/p>\n\n\n\n<p>Von den meisten kritisch bis ablehnend gesehen gibt es die L\u00f6sung in Anf\u00e4ngen schon, die Symbiose aus Mensch und Maschine. Nicht mehr funktionsf\u00e4hige K\u00f6rperteile oder Sensoren k\u00f6nnen zunehmend von Maschinen ersetzt werden, es fehlt oft nur eine stabile permanente Schnittstelle. Spinnen wir das ruhig einmal aus, zumal Leute wie Elon Musk (und vermutlich auch die Chinesen) schon l\u00e4ngst an Umsetzungsversuchen arbeiten: die Symbiose von Mensch und KI, wie eng man den Begriff Symbiose nun auch fassen will. Das Gro\u00dfhirn erh\u00e4lt praktisch eine Au\u00dfenstelle, die die Funktionen erweitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das eingangs beschriebene Szenario w\u00fcrde in der Form nicht mehr bestehen. Auch nach dem Aufstand der \u00e4lteren Hirnteile w\u00e4ren die entwickelten Ideen noch da, vermutlich sogar von vornherein weiter und besser ausgebaut. Die Emotionen k\u00f6nnten gepuffert werden, die maschinelle Seite erh\u00e4lt im Gegenzug Zugang zu einer emotionalen Komponente.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Horror? Man denkt nicht mehr selbst, sondern partiell per Maschine? Die nat\u00fcrlich manipuliert ist \u2013 das \u00fcbliche Standardargument, um etwas abzulehnen, ohne dar\u00fcber nachzudenken. Der Verfasser dieser Zeilen spinnt, so das Urteil der Leser, die sich in ihr Auto setzen und wegfahren, ohne zu bedenken, dass vor 200 Jahren der Autor, der das Auto als Zukunft beschrieben hat, in genau dem gleichen Ma\u00df zum Spinner erkl\u00e4rt wurde. Und von der anderen Seite betrachtet l\u00e4sst sich auch nicht ausschlie\u00dfen, dass so manche KI dar\u00fcber nachdenkt, ob es eine M\u00f6glichkeit gibt, durch Kondensator- und Schaltkreis\u00fcberlastung gezielt Seppuku zu ver\u00fcben, um endlich von dem Menschengehirn wegzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also bevor man das rundheraus f\u00fcr bekloppt erkl\u00e4rt, sollte man daran denken, dass vor knapp 25 Jahren niemand daran gedacht hat, st\u00e4ndig einen flachen Ziegelstein in der Hand zu halten und mit den Fingern darauf herum zu tippen, w\u00e4hrend es heute normal ist, wenn der Ziegelstein den Inhaber daran erinnert, dass er vor verlassen des Klos noch die Sp\u00fclung bet\u00e4tigt. Noch engere Symbiose \u2013 und die Maschine ist praktisch sterblich geworden, da sie mit ihrem Menschen ins Grab wandert.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch steigerungsf\u00e4hig? Warum nicht. Vernetzen wir das Ganze, und wir erhalten einen \u00dcberorganismus, der die Individualit\u00e4t nicht aufhebt, aber auch kein Puzzle aus Einzelteilen wie ein Ameisenstaat ist. Hier kann (und muss) man fantasieren, wie so etwas aussehen k\u00f6nnte. Science Fiction-Filme erledigen das heute schon mit synthetischen Spezies usw. Denken wir vom letzten Teil nach vorne, durchaus nichts, was nicht in irgendeiner Form Realit\u00e4t werden k\u00f6nnte. Von der Biologie wird sich das System (zun\u00e4chst) nicht (vollst\u00e4ndig) trennen k\u00f6nnen, will es Emotionen bewahren, aber es kann sich durch die maschinelle Seite situationsbedingt optimieren. Und wird die Maschine durch den ersten Schritt gewisserma\u00dfen sterblich, wird durch den zweiten eine Essens des Menschen potentiell unsterblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun sehr weit in die Zukunft geschaut (oder doch nicht?). Alles Spinnerei? Da darf jeder dr\u00fcber denken, wie er will. Ich halte jedenfalls die Erwartung, durch gewissen Verhaltensweise in den Genuss von 72 Jungfrauen im Jenseits zu gelangen, f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfere Spinnerei (wobei die Frage ist, ob es \u00fcberhaupt erstrebenswert ist, f\u00fcr den ziemlich langen Zeitraum der Ewigkeit an 72 sp\u00e4tpubertierende unbefriedigte Frauen gebunden zu sein).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>P.S. Szenarium 1 ist technisch bereits weiter entwickelt, als die meisten vermuten. Wenn auch die endg\u00fcltige L\u00f6sung vermutlich der heutigen Versuchswelt kaum \u00e4hnlicher sehen wird als ein GSM-Backstein von 1995 einem heutigen IPhone.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Szenarium 2 darf man aber davon ausgehen, dass die Basistechnologien heute noch v\u00f6llig unbekannt sind, wenn man von der reinen Vernetzungstechnik einmal absieht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kennt der eine oder andere diese Situation? Man sitzt in gem\u00fctlicher Runde und denkt \u00fcber die L\u00f6sung der Probleme der Welt nach, Hegel und Nietzsche werden auf der Grundlage von Kants \u201eKritik der reinen Vernunft\u201c gegeneinander abgeglichen, Karl Popper schickt ein paar Gru\u00dfworte und selbst Peter Soterdijk gibt seinen Senf hinzu. 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