{"id":12581,"date":"2026-02-13T10:48:59","date_gmt":"2026-02-13T09:48:59","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=12581"},"modified":"2026-02-13T10:48:59","modified_gmt":"2026-02-13T09:48:59","slug":"die-schattenflotte-das-geschaeft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2026\/02\/13\/die-schattenflotte-das-geschaeft\/","title":{"rendered":"Die Schattenflotte \u2013 das Gesch\u00e4ft"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcber die Schattenflotte an sich, also woher der Begriff stammt und was damit bewirkt werden soll, muss man wohl kein Wort verlieren. \u00dcber das, was sich daraus entwickelt (hat), aber schon.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Fangen wir damit an, dass es sich angeblich um alte, marode, bereits ausgemusterte Schiffe handelt. Bereits das ist eine glatte L\u00fcge. Der Anteil der russischen \u00d6ltransporte lag vor 2022 bei 13%, und mit Beginn der Sanktionen waren formal damit 13% der weltweiten Tankerflotte \u00fcberfl\u00fcssig und h\u00e4tten auf Reede gelegt werden m\u00fcssen, h\u00e4tte man sich an die vom Westen diktierten Regeln gehalten. Macht man nat\u00fcrlich nicht, sondern schaut nach anderweitiger Verwendung. Also Fazit 1: es handelt sich um normale Tanker der weltweiten Flotte, zwar fast alle \u00e4ltere, weil man nicht gerade das teuerste Spielzeug einsetzt, wenn Gefahr droht, aber alle im normalen Altersbereich und nicht maroder als andere Schiffe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Behauptung: die Schiffe sind nicht versichert. Auch das stimmt nicht. Korrekt ist \u201edie Schiffe sind nicht bei westlichen Versicherungen versichert\u201c. In die L\u00fccke sind relativ schnell russische und chinesischer Staatsfonds gesto\u00dfen, d.h. die Schiffe sind sehr wohl versichert. Wenn hier auch Abstriche gemacht werden m\u00fcssen, die aus den Sekund\u00e4rsanktionen resultieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier f\u00e4ngt bereits die Grauzone an, wo die Sanktionen nicht funktionieren und alles in Gesch\u00e4fte umschl\u00e4gt. Nach Willen des Westens d\u00fcrften diese Schiffe nirgendwo anlegen, weil sie nicht versichert sind, H\u00e4fen und Kan\u00e4le aber verpflichtet sind, Schiffe ohne Versicherung abzuweisen. In den meisten Drittl\u00e4ndern ist man aber eher darauf bedacht, Gesch\u00e4fte zu machen, und dazu geh\u00f6ren eben auch die Liegegeb\u00fchren und Weiteres. Versicherungspolice vorhanden? Ok, alles klar. Dass da nicht Lloyd\u2019s of London draufsteht, k\u00fcmmer die Hafenverwaltung wenig.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterst\u00fctzend ist hier auch die Gesamtkonstruktion: so ein Schiff hat einen Eigner, wird von einer Reederei betrieben, von einem Charterer, der wiederum mit Spediteuren zusammen arbeitet, mit Ladung versorgt, wird in einem bestimmten Land geflaggt, ist irgendwo versichert (Ladung + Sch\u00e4den bei Havarie), und mit drin h\u00e4ngen dann noch diverse Banken, die die Gesch\u00e4fte absichern, die Heimatl\u00e4nder der Crew-Mitglieder und last not least der Eigent\u00fcmer der Ware. Und alles kann munter wechseln, w\u00e4hrend das Schiff von A nach B unterwegs ist (bis auf die Crew, die in A oder B gewechselt werden kann). Hier steckt bereits eine Menge Potential drin, mit dem man die Sanktion\u00e4re t\u00e4uschen kann. Auch inzwischen gut eingespielt bei \u00d6l: man trifft sich mitten auf dem Ozean mit einem anderen Tanker und pumpt das \u00d6l um. Sind vorher die Transponder ausgeschaltet worden, l\u00e4sst sich nur noch chemisch nachweisen, woher die Ladung kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits hier verdient man pr\u00e4chtig am System. Russland ist gezwungen, Abschl\u00e4ge auf den \u00d6lpreis zu geben, was den Kauf lukrativ macht, und das Wort \u201eSchattenflotte\u201c erlaubt allen anderen Beteiligten Aufschl\u00e4ge auf ihre normalen Preise. Bis auf die Russen, die weniger Einnahmen haben, wird mehr verdient als im normalen Handel, und den Russen, so haben die letzten drei Jahre gezeigt, macht das bislang wenig aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht aber noch besser Dank der Sanktionen: im Prinzip ist alles \u00fcber die Schifffahrtsregister jederzeit online kontrollierbar. Die Sanktionen haben jedoch teilweise die Kommunikationslinien gekappt, so dass russische und chinesische Angaben zumindest formal schlecht kontrollierbar werden. Zwar nur formal, aber man h\u00e4lt sich ja ans Formale und verzichtet auf VPN oder andere Tricks, um das zu umgehen. Das wiederum wird ausgenutzt, bei den Versicherungen zu sparen. Formal versichert, landet man bei der einen oder anderen Police bei genauer Kontrolle bei einem Schuster in Bangladesh, und passiert doch mal was, bleibt in der Regel der Staat, in dem die Havarie passiert ist, auf den Kosten sitzen. Alle wissen es, alle dr\u00fccken beide Augen fest zu, denn der Profit steigt entsprechend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chste Ma\u00dfnahme der Sanktion\u00e4re ist Seer\u00e4uberei: Schiffe der Schattenflotte werden auf hoher See unter fadenscheinigen Vorw\u00e4nden aufgebracht. International zul\u00e4ssig ist das Aufbringen bei Piraterie, Sklavenhandel, unerlaubten Rundfunksendungen, Staatslosigkeit und falscher Beflaggung. Alles andere ist v\u00f6lkerrechtlich eine aktive Kriegshandlung gegen den Flaggenstaat. Was die Sanktion\u00e4re allerdings nicht hindert, trotzdem widerrechtlich Schiffe aufzubringen, denn wirklich Angst, dass Liberia (oder ein anderer der beliebten Flaggenstaaten) milit\u00e4risch zur\u00fcck schl\u00e4gt, muss man wohl nicht haben. Am skrupellosesten sind die USA, die die Schiffe samt Ladung beschlagnahmen und nicht mit sich reden lassen. Kleinere Staaten haben aber schnell eine gr\u00f6\u00dfere Menge Anw\u00e4lte am Hals, wie Deutschland bereits feststellen musste, und wenn darunter Vertreter von Nationen wie Indien sind (dem beispielsweise die Ladung geh\u00f6rt), wird es schnell peinlich bis unangenehm. Wenn sich der Elefant mit der Ameise anlegt, muss er nichts bef\u00fcrchten, wenn sich der B\u00fcffel mit dem Nashorn anlegt, ist nicht gesagt, wer am Schluss das blaue Auge hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch das ist Gesch\u00e4ft. Die Schattenflotte driftet hierdurch in den Bereich alter Schiffe ab oder bekommt russische oder chinesische Flaggen, wobei selbst die USA ins Gr\u00fcbeln kommen, ob sie sich mit einem Gegner anlegen sollen, der unangenehm zur\u00fcck schlagen kann (aktuell wagen sie es trotzdem bei einem chinesichen Tanker). Die Rentabilit\u00e4tsrechnung wird hier etwas komplizierter. Es kommt nicht nur darauf an, ob der Tanker 3 Fahrten \u00fcbersteht, bevor er bei der 4. aufgebracht wird. Vielleicht ist es ja diesmal ein Tanker, der tats\u00e4chlich seine letzten Lebensmonate vor sich hat, bevor er ausgemustert wird. Wird der beschlagnahmt, k\u00f6nnten sich alle bis auf den Eigent\u00fcmer der Ladung darauf verst\u00e4ndigen, das zu akzeptieren und den Tanker aus allen Listen zu streichen. Das Ergebnis: die USA sitzen auf einem Tanker, der niemandem mehr geh\u00f6rt, d\u00fcrfen die Verschrottungskosten tragen (statt des Eigners), und sitzen obendrein auf einer Ladung fest, mit der sie nichts anfangen k\u00f6nnen (z.B. \u00d6l aus Venezuela). Es ist also ein einfaches Rechenexempel, bis zu welcher Aufbringrate sich das Gesch\u00e4ft immer noch unter dem Strich lohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst da ist noch nicht Schluss. Wie die skandinavischen Marinen feststellen, haben Schattenflottenschiffe zunehmend bewaffnete Sicherheitskr\u00e4fte an Bord. Und die \u00d6ffentlichkeit auf ihrer Seite. Wenn ein Marineschiff versucht, ein Schattenflottenschiff zu stoppen, muss es das nicht machen (bisher stoppen sie schon, aber die Bereitschaft wird geringer), sondern kann eine Kollision in Kauf nehmen. Bei der heutigen Technik ist es problemlos m\u00f6glich, so etwas als Livestream zu senden, nachzuweisen, dass das Kriegsschiff auf Kollisionskurs gegangen ist und somit auch f\u00fcr die massiven Umweltsch\u00e4den verantwortlich ist, sollte es zu einer schweren Havarie kommen (auf denen ohnehin die Anrainerstaaten sitzen bleiben). Und eine sanfte geheime R\u00fcckversicherung bei den Russen und Chinesen kann durchaus daf\u00fcr sorgen, dass die Bereitschaft steigt. Schlie\u00dflich resultiert daraus ja kein offener Krieg. Im Zweifelsfall d\u00fcrfte der Zerst\u00f6rer Gas geben, sollte der Tanker kein Anzeichen zeigen, zu stoppen oder den Kurs zu\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt den Sanktion\u00e4ren also nur, per Hubschrauber ein Enterteam auf dem Schattenflottenschiff abzusetzen. Und hier kommen die bewaffneten Sicherheitskr\u00e4fte ins Spiel. Beim Entern ist jede Form der Gegenwehr nach internationalem Recht erlaubt. So ein Schiff ist ein ziemlich un\u00fcbersichtlicher Kampfplatz, auf dem die Sicherheitsleute Heimvorteil genie\u00dfen. Sie k\u00f6nnen ohne gro\u00dfe Probleme versteckte Fallen und Hinterhalte installieren, die das Entern f\u00fcr die Marinesoldaten zu einem Stalingrad werden lassen kann. Alles vielleicht wieder im Livestream. Ob sich selbst die USA darauf einlassen werden\/k\u00f6nnen, mit hohen Verlusten an SEALS oder anderen Spezialverb\u00e4nden auf Dauer zu leben? Und Schie\u00dfw\u00fctige f\u00fcr ein Sicherheitsteam findet man immer, besonders wenn im Dunklen Russen und Chinesen ihre Finger im Spiel haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: die Schattenflotte ist f\u00fcr alle \u2013 Eigner, Reeder, Charterer, Versicherer, Ladungseigner, Hafenverwaltungen \u2013 ein Riesengesch\u00e4ft, das sich lohnt, egal was passiert. Die Zeche zahlt Russland \u00fcber niedrigere Erl\u00f6se, wird aber nicht letal getroffen. Die Folgekosten bei zuf\u00e4lligen oder absichtlichen \u201eUnf\u00e4llen\u201c bleiben bei den Sanktion\u00e4ren h\u00e4ngen, die sich mit den Sanktionen ohnehin schon ins Knie geschossen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Erkenntnis, die die EU aus dem Ganzen zieht? Mit den Sanktionen \u201ehaben wir uns ins linke Knie geschossen. Aua! Tat das weh! Das machen wir nicht noch einmal. Sorgen wir also daf\u00fcr, dass wir uns beim n\u00e4chsten Versuch ins rechte Knie schie\u00dfen!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Schattenflotte an sich, also woher der Begriff stammt und was damit bewirkt werden soll, muss man wohl kein Wort verlieren. \u00dcber das, was sich daraus entwickelt (hat), aber schon. 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