{"id":12579,"date":"2026-02-13T09:20:34","date_gmt":"2026-02-13T08:20:34","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=12579"},"modified":"2026-02-13T09:20:34","modified_gmt":"2026-02-13T08:20:34","slug":"die-sache-mit-der-loyalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2026\/02\/13\/die-sache-mit-der-loyalitaet\/","title":{"rendered":"Die Sache mit der Loyalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<ol class=\"wp-block-list\"><\/ol>\n\n\n\n<p>Die ZEIT hat neulich vermutlich zuf\u00e4llig auf eines der inzwischen gr\u00f6\u00dften Probleme des Landes aufmerksam gemacht. Man ist gewohnt, im Gro\u00dfen zu diskutieren: Energiepreise, Wirtschaftsabschwung, Teuerung usw. Dabei wird der einzelne Mensch aus dem Visier gezogen, und der hat erheblichen Einfluss darauf, was l\u00e4uft und was nicht. Es lohnt sich, mal hinzuschauen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Aufh\u00e4nger sind die beiden Arbeiter bei der Blohm&amp;Voss-Werft, die ein Schiff der Bundeskriegsmarine sabotiert haben, in dem sie physisch Sand ins Getriebe und den Motor geworfen haben. Das \u00fcberstehen selbst Schiffsmotoren und begrenzte Zeit. Es brauchte aber schon einen ausgewachsenen Admiral, um Russland dahinter zu vermuten. Selbst die allseits bereite Systempresse ist nicht auf die Idee gekommen, es Putin in die Schuhe zu schieben \u2013 dem eigentlichen Schuhinhaber allerdings leider auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden \u00dcbelt\u00e4ter sind ein griechischer und ein rum\u00e4nischer Zeitarbeiter, die seit 2022 f\u00fcr die Werft arbeiten und zum Lohn in K\u00e4fighaltung gehalten werden: ein Einfamilienhaus wurde f\u00fcr die \u201eGastmonteure\u201c reserviert, und bei der Anzahl der \u201eGastmonteure\u201c kann man wohl von mehreren Etagenbetten pro Zimmer ausgehen, wie man es zu Beginn der Gastarbeiter-\u00c4hra in den 1960er-Jahren bei T\u00fcrken gewohnt war (und auch noch in diesem Jahrhundert in der westf\u00e4lischen Fleischindustrie). Das Problem bei diesen \u201eGastmonteuren\u201c: wenn man sie mangels Auftr\u00e4gen nicht braucht, werden sie auch schnell mal \u201eentgastet\u201c. Die Gegenwehr: man sorgt daf\u00fcr, dass die Schiffe l\u00e4nger im Dock bleiben, beispielsweise durch Sand im Getriebe. Und genau das ist wohl passiert, und weil das derart offensichtlich ist, kam nicht mal die Qualit\u00e4tspresse auf die Idee, nach Putin zu rufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun muss man feststellen: alles einschlie\u00dflich der Zeitarbeitsfirma geh\u00f6rt Blohm&amp;Voss. Arbeit muss so billig wie m\u00f6glich sein, also schafft man sich moderne Sklaven. Und der andere Arm, die Gewerkschaft (hier die IG Metall), der sich um solche Missst\u00e4nde k\u00fcmmern m\u00fcsste (arbeitsrechtlich m\u00fcss(t)en Arbeiter, die seit 2022 ununterbrochen f\u00fcr den Laden schuften, l\u00e4ngst in Dauerbesch\u00e4ftigung \u00fcberf\u00fchrt worden sein), ist derart damit besch\u00e4ftigt, sich an den Beitr\u00e4gen der unbelehrbar verbl\u00f6deten, die immer noch der Gewerkschaft angeh\u00f6ren, zu bereichern, dass sie dazu nicht kommt: der Schwager von Gewerkschaftsfunktion\u00e4r A ist Vorstand bei Blohm&amp;Voss, seine Frau ist im Aufsichtsrat usw. Und damit ist das Problem formuliert:<\/p>\n\n\n\n<p>Die Firma erwartet absolute Loyalit\u00e4t ihrer Belegschaft, ohne selbst ihr gegen\u00fcber auch nur infinitesimal loyal zu sein (\u00c4hnliches erlebt man derzeit bei VW, wo Leute rausgeworfen werden, w\u00e4hrend sich der Vorstand \u00fcber buchhalterische Tricks \u201eBoni\u201c bis zu 1,75 Mio \u20ac genehmigt). Quid pro quo. Warum sollten sie noch loyal sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem tritt hier ziemlich drastisch durch offene Sabotage zu Tage, ist aber sehr viel allgemeiner, denn es ist inzwischen in der gesamten Republik so, dass von oben her Loyalit\u00e4t erwartet wird, ohne dass etwas zur\u00fcck kommt. Der stille Vertrag, dass der normale B\u00fcrger erwarten kann, dass sein Wohlstand gewahrt wird und er seine Ziele mit etwas M\u00fche auch erreichen kann, ist l\u00e4ngst gebrochen. Man darf schuften, kommt nicht weiter und sieht zus\u00e4tzlich noch voll rundum versorgte \u201eFl\u00fcchtlinge\u201c faul in der Gegend herum l\u00fcmmeln (denen es, das sollte der Vollst\u00e4ndigkeit halber hinzu gef\u00fcgt werden, nicht besser geht, denn es gibt f\u00fcr sie auch keine wirkliche Chance, aus der Heruml\u00fcmmelsituation auszubrechen). Warum also sich auf der Arbeit noch bem\u00fchen, zumal be<\/p>\n\n\n\n<p>sonderer Flei\u00df im Sozialismus ohnehin dazu f\u00fchrt, dass die Normen angehoben werden, ohne das man etwas davon hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erleben diese unterschwellige Sabotage, die K\u00fcndigung der Loyalit\u00e4t dem System gegen\u00fcber, t\u00e4glich. Man will etwas vom Amt oder von eigenen Arbeitgeber? \u201eBeantragen Sie einen Termin! Vielleicht in 6 Wochen.\u201c Alles wird buchstabengetreu bis zum abschlie\u00dfenden Punkt bewertet, und das blo\u00df nicht zu schnell! Standardlosung in den Verwaltungen: \u201eWas du morgen kannst besorgen, das verschieb auf \u00dcbermorgen.\u201c Die ToDo-Listen sind meist weniger umfangreich als die LetItBe-Listen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispiele f\u00fcr die resultierend Inflexibilit\u00e4t noch aus Corona-Zeiten, in denen Besch\u00e4ftigte PCR-Tests vorlegen mussten: (1) Die Tests waren 10 oder 12 Stunden g\u00fcltig, und Arbeitnehmer wurden aufgefordert, die Arbeitsstelle um 16:20 Uhr zu verlassen, weil die G\u00fcltigkeit abgelaufen war (normales Dienstende 17:00 Uhr). (2) An Wochenenden waren Besch\u00e4ftigte mutterseelenallein auf der Arbeitsstelle. Der Betrieb verlangte trotzdem einen g\u00fcltigen PCR-Test (was nicht so einfach war, denn die meisten Test-Stellen hatten am Wochenende geschlossen).<\/p>\n\n\n\n<p>Das geht so weiter: einfacher Antrag bei irgendeiner Stelle gestellt: (1) Man ist nicht zust\u00e4ndig, stellt das aber erst nach mehreren Wochen fest. (2) Der Antrag enth\u00e4lt Formfehler, die erst beseitigt werden m\u00fcssen. Auch das erst nach Wochen. Zur\u00fcck auf START. (3) Man k\u00f6nnte dem Antrag durchaus entsprechen, das l\u00e4ge durchaus im Ermessensspielraum. Aber warum anderen etwas zugestehen, wenn es einem selbst dreckig geht? Wenn man von oben allenfalls einen R\u00fcffel bekommt, aber nie ein Lob? Genau! Man lehnt ab, weil in der Vorschrift der Farbton RAL 4711 steht und der Antragsteller RAL 4708 beantragt. Das geht gar nicht! Und auch das dauert wieder Wochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so geht das ganz allgemein weiter. Kleiner Auffahrunfall mit schnell behebbarem Lackschaden? Die Aussage der Werkstatt \u201emachen wir f\u00fcr 300\u20ac\u201c geht gar nicht! Die Versicherung besteht auf einem Gutachten (kostet). Der Gutachter macht nach R\u00fccksprache mit der Werkstatt ein \u201enicht mehr fahrt\u00fcchtiges Fahrzeug\u201c daraus (kostet). Der Eigent\u00fcmer des Vehikels findet das komisch, doch der Anwalt der Werkstatt (!) \u00fcberzeugt ihn, dass das so sein muss (kostet). Die Reparatur (Schleifen und Lackieren) dauert 4 \u2013 6 Wochen und kostet 5.000 \u2013 6.000 \u20ac. Auf den schr\u00e4gen Blick des Eigent\u00fcmers h\u00f6rt dieser von der Werkstatt \u201eein bisschen m\u00fcssen wir ja auch verdienen\u201c. Und der Sachbearbeiter bei der Versicherung hakt einfach nur ab. Ist ja nicht sein Geld. War zwar ein ausgemachter Versicherungsbetrug, aber den kann man an die Versicherten weiter reichen. Jeder wei\u00df, dass die Kosten steigen, also was soll\u2019s?<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Arbeit wird, wenn sie \u00fcberhaupt noch gemacht wird, schlecht gemacht. Was verhindert werden kann, wird verhindert, was nicht verhindert werden kann, wird trotzdem verhindert. Und wenn irgendwo Profit aus dem Ganzen zu holen ist, dann macht man das, weil man wei\u00df, dass die Kontrollen genauso nicht funktionieren und die Sabotage nicht auff\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Establishment hat den Vertrag gebrochen, verlangt aber weiter Loyalit\u00e4t. Nur bekommt es die nicht mehr und das System versumpft noch schneller. Und das Problem: selbst wenn man die Spitze austauschen w\u00fcrde und die neue Spitze vorhat, den Vertrag zu erneuern und einzuhalten: unten ist so viel kaputt gegangen, dass auch der Reparaturversuch mutma\u00dflich schief geht. Erst wenn alles am Boden liegt und es keinem mehr besser geht als dem n\u00e4chsten, besinnt man sich vielleicht eines Anderen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ZEIT hat neulich vermutlich zuf\u00e4llig auf eines der inzwischen gr\u00f6\u00dften Probleme des Landes aufmerksam gemacht. Man ist gewohnt, im Gro\u00dfen zu diskutieren: Energiepreise, Wirtschaftsabschwung, Teuerung usw. 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