{"id":12476,"date":"2026-01-11T11:06:07","date_gmt":"2026-01-11T10:06:07","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=12476"},"modified":"2026-01-11T11:06:08","modified_gmt":"2026-01-11T10:06:08","slug":"und-wenn-es-gar-keinen-plan-gibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2026\/01\/11\/und-wenn-es-gar-keinen-plan-gibt\/","title":{"rendered":"Und wenn es gar keinen Plan gibt?"},"content":{"rendered":"\n<p>Bei dem uns\u00e4glichen Chaos, das \u2013 nein, nicht weltweit, sondern nur hier \u2013 herrscht, ist man gerne mit Verschw\u00f6rungstheorien dabei. Da treten in Marvel-Manier Superschurken wie Bill Gates, die Leute vom WEF oder irgendeine j\u00fcdische Weltverschw\u00f6rung an, die nicht in Wochen oder Monate, sonder in Jahren oder Jahrzehnten planen, die Welt zu vernichten. Dummerweise ist Captain Amerika mit der Eroberung von Venezuela besch\u00e4ftigt und die Fantastic Four besuchen gerade ihre Freunde auf der anderen Seite der Galaxis und keiner hilft uns.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und was, wenn es solche Pl\u00e4ne gar nicht gibt? Wenn alles auf reinem zuf\u00e4lligen Opportunismus beruht? Warum sieht es der normale Chinese nicht, dass ihn sein Regime aber auch so was von total unterdr\u00fcckt und ihm zentrale demokratische Rechte vorenth\u00e4lt? Warum hat der normale Deutsche nicht vor 90 Jahren gesehen, wohin die Welt mit einem Adolf Hitler driftet? Hat doch alles in \u201eMein Kampf\u201c gestanden. Konnte nicht nur jeder lesen, jeder hatte auch ein Exemplar des Druckwerks in seinen B\u00fccherschrank.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man bei \u201eMein Kampf\u201c anf\u00e4ngt, kann man heute kommentierte Versionen kaufen, in denen eindeutig jede Schlechtigkeit als geplant und beabsichtigt und vorher exakt beschrieben entlarvt wird. Allerdings hat die kommentierte Fassung gleich 2,5x so viele Seiten wie das Original \u2013 so viel Platz braucht man, um im Detail alles nachzuweisen \u2013 und ohne retrospektive Kenntnis der Ereignisse k\u00f6nnte man noch nicht einmal etwas begr\u00fcnden. Da geht es einem wie fr\u00fcher in der Schule bei Interpretationen: h\u00e4tte ein Goethe oder ein Shakespeare wirklich an all das gedacht, was da rein interpretiert wurde, h\u00e4tten sie weniger als 20% ihrer Werke fertig bekommen, und ein Adolf Hitler s\u00e4\u00dfe heute noch in Festungshaft, um an den letzten Formulierungen zu schrauben.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum anders sieht es beim Chinesen aus, der nach unseren Moralvorstellungen ein v\u00f6llig unmoralischer Mensch ist, der sich gegen Knechtung in Form von Totat\u00fcberwachung und sozialer G\u00e4ngelung einfach nicht zur Wehr setzt. Tats\u00e4chlich sieht die Rechnung f\u00fcr den Chinesen ganz anders aus. Den interessieren die abgehobenen Gedanken von Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Kierkegaard oder Nietzsche \u00fcberhaupt nicht, abgesehen vielleicht von Wortspielen im Vollsuff. Der normale Mensch hat seine Vorstellungen, wohin sein leben laufen soll, und wenn er das erreichen kann, wird er auf den Deal eingehen und lautstark &#8222;Heil Xi&#8220; br\u00fcllen, ohne \u00fcber die &#8222;h\u00f6here Gedanken&#8220; der westlichen Wertewelt zu sinnieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die China eine Win-Win-Situation, f\u00fcr die westlichen Moralapostel in ihrer Welt inzwischen eine Lose-Lose-Situation, wobei man sich mit Moral anscheinend dann am intensivsten besch\u00e4ftigt, wenn buchst\u00e4blich die Kacke am Dampfen ist. Moral kann man am besten dann predigen, wenn man (a) selbst keine hat und (b) m\u00f6glichst weit weg ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zur\u00fcck zum gro\u00dfen Plan. Die menschliche T\u00e4tigkeit gliedert sich in zwei Bereiche: einen Wert sch\u00f6pfenden Teil, der das erwirtschaftet, was verteilt werden kann, und einen organisierenden, gemeinhin als Verwaltung bezeichnet, der daf\u00fcr sorgt, dass die Wertsch\u00f6pfung m\u00f6glichst effektiv funktioniert. Das war schon in der Steinzeit so, wenn der Wertsch\u00f6pfer mit seinem Faustkeil hinter dem Mammut herrannte und die Verwaltung daf\u00fcr sorgte, dass er nach erlegtem Mammut aufgrund ausgezeichneter Kochk\u00fcnste in der Lage war, dem n\u00e4chsten Mammut hinterher zu jagen. Und ab und zu einen weiteren Wertsch\u00f6pfer gebar, der die Rolle \u00fcbernahm, wenn der erste vom Mammut zertrampelt wurde. Das funktionierte so lange gut, bis die Verwaltung die \u00dcberhand \u00fcbernahm, oder genauer: der Wertsch\u00f6pfer sich eine zweite Frau zulegte, womit der \u00c4rger damals begann. Aber zur\u00fcck zur Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch heute l\u00e4uft das zun\u00e4chst so: der Handwerker zieht mit seinen Gesellen los und seine Verwaltung sorgt daf\u00fcr, dass die Auftr\u00e4ge ordentlich verwaltet werden und die Kunden auch ihre Rechnungen bezahlen. Nun haben die Betriebe so ihr Auf und Ab: manchmal l\u00e4uft es gut und man braucht mehr Gesellen, manchmal l\u00e4uft es schlecht und man \u2026 ja, was?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ein Unternehmen nicht mehr gen\u00fcgend Arbeit f\u00fcr alle hat, wirft es zwangsweise ein paar Leute raus. Interessanter Weise trifft das aber immer nur den Wert sch\u00f6pfenden Teil, nicht die Verwaltung. Da sitzen dann Leute, die auch nichts mehr zu tun haben, aber das mit einer ungeheuren Intensit\u00e4t betreiben, wenn genau hin geschaut wird. Wer so emsig und gewissenhaft nichts tut, den kann man nicht rauswerfen, im Gegenteil wird sich nach einiger Zeit die Notwendigkeit herausstellen, dass einer alleine mit dem Nichtstun v\u00f6llig \u00fcberfordert ist und man einen zweiten braucht, mit dem er sich das Nichtstun teilen kann. W\u00e4hrend die Produktion herunter f\u00e4hrt, wuchert die Verwaltung nur um so schlimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Industriebetrieb geht das nat\u00fcrlich nur begrenzt gut, bei Staatsbetrieben l\u00e4uft die krebsartige Wucherung der Verwaltung aber v\u00f6llig problemlos. Klar werden weniger Werte gesch\u00f6pft, d.h. es ist auch weniger zu verteilen. Das merken alle auf irgendeine Weise. Und wenn die Wirtschaft nur noch um 0,9% w\u00e4chst, nagen alle am Hungertuch. Hunger trotz Wachstum?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch so eine Irref\u00fchrung. Wenn sich das Verh\u00e4ltnis Wertsch\u00f6pfung zu Administration verschlechtert, gibt es weniger zu verteilen. Also wird das gleiche Produkt relativ teurer. Das Br\u00f6tchen kostet immer noch 20 Pfennige, aber der Br\u00f6tchenesser bekommt vom allgemeinen Kuchen nur noch 20 D-Mark und nicht mehr 35 DM. Das kann man leicht verbergen, wenn man alles auf Pump finanziert und Geld druckt. Statt 35 DM bekommt jeder nun 45 DM, da aber nicht mehr Br\u00f6tchen da sind, kostet das Br\u00f6tchen nun 90 Pfennige, denn die Zinsen m\u00fcssen ja auch noch mit bedient werden. Die Wirtschaft w\u00e4chst nicht (obwohl sie definitiv schrumpft), sondern alles wird nur teurer und man bekommt immer weniger f\u00fcr das Geld.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlicher Weise: je d\u00fcsterer das Bild wird, um so krebsartiger wuchert die Verwaltung. Aus 1.500 Verwaltern in Zeiten der Hochkonjunktur werden 32.000 in Zeit, in denen nichts mehr funktioniert. Dazu muss man sich ansehen, worin das Nichtstun eigentlich besteht. Um effektiv etwas verwalten zu k\u00f6nnen, ben\u00f6tigt man Zahlen. Normalerweise kommen die von alleine, aber bei einem \u00dcberhang der Verwaltung leider nicht mehr und man muss sie anfordern. Und leider von denen, die noch Werte sch\u00f6pfen, wodurch deren Sch\u00f6pfung wiederum geringer wird. Je weniger wirklich getan wird, desto heftiger werden die Anforderungen von Daten, das Verfassen interner Bericht und Memos, die Kontrollen der Daten sowie das Finden weiterer Daten, die man unbedingt braucht, um sie in internen Berichten, Memos und Kontrollen verwenden zu k\u00f6nnen. Die Verwaltung schafft neue Regeln und ist gleichzeitig Herr \u00fcber alles, weil nur noch sie in der Lage ist, das Durcheinander der Regeln zu \u00fcberschauen, und insbesondere zielsicher zu definieren, welche Regel wo gilt bzw. warum eine Regel hier zu befolgen ist, dort nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da sind wir an dem Punkt, wo es mit dem Plan nichts wird, sondern stumpf die Prinzipien der Evolution das Ruder \u00fcbernehmen. Bekanntlich besorgt die Selektion im Gesamtrahmen der Evolution f\u00fcr die Auswahl der Spezies und Eigenschaften, die an der n\u00e4chsten Runde teilnehmen. In diesem Sinne kann man die Verwaltung durchaus als Organismus betrachten, dessen Teile in irgendeiner Form versuchen, auf Spielfl\u00e4che zu verbleiben. Und dazu braucht es keinen Masterplan, es gen\u00fcgt reiner Zweckopportunismus. \u201eDie Evolution ist ein blinder Uhrmacher\u201c betitelte Richard Dawkins mal eines seiner B\u00fccher. Dawkins pseudoreligi\u00f6se Ausf\u00fchrungen muss man nur bedingt Ernst nehmen, aber mit dem Bild liegt er schon ganz richtig: was mir n\u00fctzt, wird gemacht, und wem es schadet, schaue ich mir gar nicht erst an.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sitzt es also nun, das Amt Z, und muss schauen, wie es \u00fcberlebt. So wie Amt A, das sich mit der Ausstellung von Passierscheinen des Typs A-38 \u00fcber Wasser h\u00e4lt? Ja, tats\u00e4chlich genau so! Amt Z befindet, dass es zur Aufrechterhaltung der Z-lichen Ordnung der Verf\u00fcgung Z-4711 bedarf. Die wird erlassen und abgewartet, was passiert. L\u00e4uft alles erwartungsgem\u00e4\u00df, sind weitere Mitarbeiter des Amts Z vom Nichtstun \u00fcberfordert und man stellt neuen Leute ein. Amt Z hat \u00fcberlebt und geht in die n\u00e4chste Runde.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispiel gef\u00e4llig? Nehmen wir die Migration. Da kommen auf einmal Leute ungebeten ins Land und die Produktivabteilung, Grenzschutz und Polizei, sind so weit herunter gefahren, dass sie das Problem nicht an der Wurzel packen k\u00f6nnen. Die Verwaltungsabteilungen G bis O stellen aber schnell fest, dass eine Flut von Richtlinien zwar das Problem verschlimmert, die Abteilungen G bis O aber so v\u00f6llig \u00fcberlastet sind, dass sie neue Mitarbeiter ben\u00f6tigen.Wer die Sache ausbaden muss, interessiert kein bisschen. Formal sind das die Abteilungen D, E, R und S, aber das macht den Verwaltern keine Sorge. Schlie\u00dflich sitzen auch dort Fachleute, denen sehr schnell etwas einf\u00e4llt, wie sie Profit aus der Sache f\u00fcr ihre eigenen Amtsbereiche schlagen k\u00f6nnen. Gro\u00dfer Umvolkungsplan? Unfug! Den braucht es gar nicht. Die Ma\u00dfnahmen 3923, 8711 und 9393 sind opportun, weil sie den Bestand der zust\u00e4ndigen Abteilungen sichern, also werden sie umgesetzt. Sollen doch die Philosophen irgendwelche Pl\u00e4ne in alles hinein interpretieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Mal tagesaktuell ausgerollt: w\u00e4re es m\u00f6glich, den Ukraine-Krieg zu beenden? Schlie\u00dflich w\u00e4re das eine Win-Win-Situation f\u00fcr das gro\u00dfe Ganze. Antwort: Nein! Einer ganze Reihe Verwaltungseinheiten w\u00e4re schlagartig ihre Daseinsberechtigung entzogen. Sie sind ja nicht sakrosankt. Sie tun zwar nichts, aber selbst diese T\u00e4tigkeit erfordert eine Professionalit\u00e4t, die man nach au\u00dfen vorweisen k\u00f6nnen muss. W\u00e4re es m\u00f6glich, das Chaos der Energieversorgung zu beseitigen? Auch da ist eine Win-Win-Situation auszumachen. Doch auch hier: am Bezug \u00fcberteuerten LNG und Windkraft und Sonne h\u00e4ngen so viele Verwaltungsabteilungen, dass das nicht beendet werden kann. Zumal ein Umsteuern Fachverwaltungen ben\u00f6tigen w\u00fcrde, die es inzwischen nicht mehr gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Also auf ins Chaos v\u00f6llig ohne Masterplan. Wird nicht ben\u00f6tigt, funktioniert auch von alleine. Wir kommt man aus der Nummer wieder heraus? Antwort: nur durch Implosion. Darauf zu hoffen, dass irgendeine Art demokratischer Umschwung etwas bewirkt, ist Bl\u00f6dsinn. Selbst wenn jemand andere Pl\u00e4ne hat und formal an die oberste Schaltstelle kommt, er st\u00f6\u00dft auf ein b\u00fcrokratisches System, das infolge er durchaus wahrgenommen Bedrohung seiner Existenz alles in Leere laufen l\u00e4sst. Neue Anweisung 1013? Die kollidiert mit den Anweisungen 662, 4388 und 929, die nicht aufgehoben sind und weiter gelten. Also R\u00fcckfragen, Klarstellungen, Berichte, Anforderung von Daten, Nichtzust\u00e4ndigkeitsbekundungen usw. bis sich alles tot gelaufen hat und nichts passiert ist. Das endet erst, wenn es nichts mehr zu verteilen gibt und die B\u00fcrokraten selbst an der Reihe sind. Und das kann dauern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei dem uns\u00e4glichen Chaos, das \u2013 nein, nicht weltweit, sondern nur hier \u2013 herrscht, ist man gerne mit Verschw\u00f6rungstheorien dabei. Da treten in Marvel-Manier Superschurken wie Bill Gates, die Leute vom WEF oder irgendeine j\u00fcdische Weltverschw\u00f6rung an, die nicht in Wochen oder Monate, sonder in Jahren oder Jahrzehnten planen, die Welt zu vernichten. 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