{"id":10847,"date":"2024-08-09T12:08:00","date_gmt":"2024-08-09T10:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/?p=10847"},"modified":"2024-08-05T12:19:43","modified_gmt":"2024-08-05T10:19:43","slug":"einblicke-eines-insiders-managementversagen-und-verkommene-praktiken-in-grosskonzernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gilbertbrands.de\/blog\/2024\/08\/09\/einblicke-eines-insiders-managementversagen-und-verkommene-praktiken-in-grosskonzernen\/","title":{"rendered":"EINBLICKE EINES INSIDERS: MANAGEMENTVERSAGEN UND VERKOMMENE PRAKTIKEN IN GRO\u00dfKONZERNEN"},"content":{"rendered":"\n<p>von Klaus Ri\u00dfler<\/p>\n\n\n\n<p>Vor etwa 25 Jahren fiel mir w\u00e4hrend einer Fahrt mit dem ICE eine dort ausgelegte Brosch\u00fcre des Jahresgesch\u00e4ftsberichts der BASF in die Hand. Bereits auf der ersten Seite standen belanglose Worte etwa des folgenden Inhalts: \u201eTrotz eines schwierigen wirtschaftlichen Umfeldes konnten wir unsere bisherige Marktposition behaupten\u2026\u201d, bla, bla, bla, und so weiter und so fort. Ich hatte dabei ein regelrechtes d\u00e9j\u00e0-vu, rieb mir verdutzt die Augen und musste spontan an v\u00f6llig identische Phrasen meines eigenen Br\u00f6tchengebers denken: Denn auch in dessen Jahresgesch\u00e4ftsberichten konnte man sich allj\u00e4hrlich dieselbe nichtssagende Phrasendrescherei zu Gem\u00fcte f\u00fchren. Was mich spontan zur Vermutung veranlasste, dass sich viele Firmen entweder wom\u00f6glich desselben Unternehmensberaters bedienen \u2013 oder schlicht und ergreifend einfach nur die entsprechende Formulierung aus den Gesch\u00e4ftsberichten anderer Firmen abkupferten. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich noch allzu gut an die halbj\u00e4hrlichen Ansprachen zur \u201cOrientierung\u201d des Leiters eines Konzerngesch\u00e4ftes, der stets mit der t\u00f6richten Floskel schloss: \u201eLet\u2019s look forward, because we are the best\u201c. Und fast alle klatschten Beifall, dem ich mich als einer der wenigen Anwesenden (vielleicht war ich aber auch des Englischen nicht sonderlich m\u00e4chtig) allerdings stets enthielt. Nur, dass in anderen Firmen dieselben dummen Spr\u00fcche hinausgeblasen werden und nat\u00fcrlich auch dort alle \u201cdie Besten\u201c sind. Gibt es dann \u00fcberhaupt noch weniger Gute oder gar Schlechte? In dem Kontext sei noch erw\u00e4hnt, dass sich derselbe Chef bereits zuvor bei der Leitung eines anderen Gesch\u00e4ftsfeldes nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte, allerdings daraufhin keinen freien Fall hinlegte, wie eigentlich zu erwarten gewesen w\u00e4re, sondern man ihn einfach nur \u201eparallel\u201c verschob.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Obwohl mein Zust\u00e4ndigkeitsbereich immer derselbe blieb, geh\u00f6rte ich in einem solchen Gro\u00dfkonzern insgesamt vier Gesch\u00e4ftseinheiten \u2013 oder, etwas vornehmer ausgedr\u00fcckt, \u201eBusiness Units\u201c \u2013 an. Im Rahmen unserer f\u00fcr diese \u201eBusiness Units\u201c als interne Dienstleister verantwortlichen analytischen Untersuchungen war ich als Sachgebietsleiter \u201eAnalytische Dienstleistung\u201c innerhalb unserer Gruppe f\u00fcr analytische Methodenentwicklungen zust\u00e4ndig. Einerseits hatte ich das gro\u00dfe Gl\u00fcck, nicht nur meinen Traumberuf ergriffen, sondern auch meine Traumaufgabe gefunden zu haben. Als negative Elemente dieser auf den ersten Blick verhei\u00dfungsvollen Aussage spielten andererseits aber auch Neid, Missgunst und sich quasi permanent \u00fcber diese ganze Zeitspanne hinziehendes Mobbing eine nicht unwesentliche Rolle, welche die hehre, anf\u00e4nglich positive Einsch\u00e4tzung bald kompromittierten und oft genug die pers\u00f6nlichen Befindlichkeiten au\u00dferordentlich beeintr\u00e4chtigten. Davon soll hier unter anderem berichtet werden; allerdings erlaubt der vorliegende Beitrag \u00fcber das pers\u00f6nliche Schicksal eines Insiders nur eine winzige Momentaufnahme in das Geschehene (oder vielmehr Erlittene) \u2013 denn allein die Auflistung aller Niedertr\u00e4chtigkeiten k\u00f6nnte ein Buch mit hunderten Seiten f\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Neid und Missgunst bei Vorgesetzten<\/h3>\n\n\n\n<p>Bis zum Eintritt in das Unternehmen, damals einer der gr\u00f6\u00dften Chemiekonzerne weltweit, war ich ausnahmslos in der Forschung t\u00e4tig gewesen: Zun\u00e4chst in der vielstufigen organischen Synthese, danach in der biomedizinischen Analytik, bevor ich dann mit dem Eintritt in die Analytik industrieller Produkte das Metier wechselte. Als zeitlebens forschungsorientierter Mitarbeiter wurde es mir sozusagen in die Wiege gelegt, bei analytischen Neuentwicklungen (und derer gab es im Lauf der Jahre hunderte) jede der Aufgaben aus einem forschungsorientierten Blickwinkel anzugehen, und dieser Ansatz erwies sich fast immer als der richtige. Demzufolge wurde auch prospektiv gedacht und stets untersucht, ob und inwieweit es m\u00f6glich w\u00e4re, ein jeweils aktuell neu entwickeltes Verfahren auch auf k\u00fcnftige und wom\u00f6glich in naher Zukunft auf uns zukommende analoge Aufgaben anwenden zu k\u00f6nnen. Doch in dieser Herangehensweise erkannten sowohl mein unmittelbarer Vorgesetzter als auch dessen Chef in ihrer einbahnstra\u00dfenartigen Sichtweise keinerlei Sinn; so wurde ich inst\u00e4ndig gebeten, stets nur das zu tun, was vom Auftraggeber in erster N\u00e4herung verlangt wurde. Allerdings waren diese eben keine Spezialisten, so dass dem Sachbearbeiter stets die verantwortliche Aufgabe zufiel, oftmals abweichend vom Wunsch des Auftraggebers Modifikationen durchzuf\u00fchren, um dem Kunden das von ihm erwartete Ergebnis auch wirklich liefern zu k\u00f6nnen. W\u00e4re ich der Direktive der Vorgesetzten gefolgt, was jedoch klammheimlich nicht geschah, h\u00e4tten wohl reihenweise analytische Projekte entweder umso l\u00e4nger gedauert oder w\u00e4ren gar undurchf\u00fchrbar gewesen. Mit den so ergriffenen Ma\u00dfnahmen gelang es, ein nicht zu untersch\u00e4tzendes und im Bedarfsfall jederzeit zur Verf\u00fcgung stehendes Polster an Erfahrungen zu sammeln, um damit den Raum f\u00fcr dringend erforderliche analytische Neuentwicklungen bereitzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ergaben sich daraus immer wieder Ans\u00e4tze zu Publikationen, die leider gar nicht gerne gesehen wurden, obwohl sie eigentlich der Firma zur Ehre h\u00e4tten gereichen sollen. Stattdessen wurde mir vorgeworfen, mein eigenes wissenschaftliches S\u00fcppchen auf Kosten der Arbeit meiner Kollegen kochen zu wollen; ein Vorwurf, den ich entschieden zur\u00fcckwies und der sich durch meine jederzeit messbare Leistung erfolgreich widerlegen lie\u00df. Mit absoluter Sicherheit spielten dabei Neid und Missgunst beim Vorgesetzten auch deshalb eine so ma\u00dfgebliche Rolle, weil ich erstens \u00e4lter war als er und ich zweitens eine qualifiziertere Ausbildung verweisen konnte \u2013 was bei ihm, obwohl ihm gegen\u00fcber niemals ein Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit zum Ausdruck gebracht wurde, jedoch permanente Sch\u00fcbe von Verfolgungswahn ausl\u00f6ste litt. Mein Credo galt stets ausschlie\u00dflich der Sache und weder Personen noch irgendwelcher pers\u00f6nlicher Beweihr\u00e4ucherung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201cSpeditives\u201d Denken<\/h3>\n\n\n\n<p>Oft genug wurde ich mit dem, man sollte es kaum glauben, v\u00f6llig irrwitzigen Vorwurf konfrontiert, dass meine analytischen Resultate viel zu schnell vorl\u00e4gen, ich demgem\u00e4\u00df nicht ausgelastet sei und mir deshalb wohl zu viel Zeit f\u00fcr meine wissenschaftlichen \u201cSpielchen\u201d zur Verf\u00fcgung st\u00fcnde. Als ich meinen Vorgesetzte sowohl auf den mit zahlreichen zu bearbeitenden Proben beladenen Labortisch hinwies als auch auf den Reputationsgewinn f\u00fcr unsere Firma durch meine (wohlgemerkt rein in der Freizeit ausge\u00fcbte) publizistische T\u00e4tigkeit, machte er auf dem Absatz kehrt und verlie\u00df wortlos das Labor. Dass ich nicht nur der \u00e4lteste, sondern auch erfahrenste seiner Mitarbeiter war, von dem man sehr wohl auch erwarten konnte, dass er im Gegensatz zu manch anderem j\u00fcngeren Kollegen Zeichen erkennen konnte und zu selbst\u00e4ndigem kreativem Denken in der Lage war und somit, wie man sich im Unternehmen auszudr\u00fccken pflegte, \u201dspeditiv\u201d dachte, fand offensichtlich keinen Eingang in sein Spatzengehirn. Bemerkenswert dabei war, dass bei externen Besuchen dann immerzu meine intern oft genug gescholtene wissenschaftliche Qualifikation hervorgehoben wurde, die allerdings \u2013 kaum waren die Kunden oder G\u00e4ste aus dem Raum \u2013 erneut mit F\u00fc\u00dfen getreten und mit unqualifizierten, dummdreisten Spr\u00fcchen vergolten wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Als dem Unternehmen gegen\u00fcber stets loyaler und jederzeit an ihrem gesch\u00e4ftlichen Wohlergehen interessierter Mitarbeiter setzte ich mich allerdings entschieden dagegen zur Wehr, wenn mir \u2013 wie unz\u00e4hlige Male der Fall \u2013 von v\u00f6llig inkompetenten Personen st\u00e4ndig besserwisserisch in meinen Kompetenzbereich hineingeredet wurde. Das war auch mein gutes Recht, denn f\u00fcr eine von hohem Sachverstand gepr\u00e4gte Bearbeitung anspruchsvoller Aufgaben war ich ja schlie\u00dflich eingestellt worden, nicht als Befehlsempf\u00e4nger zur Aus\u00fcbung von irgendeinem Nonsens. Zuf\u00e4lligerweise wurden mir \u2013 dank einer kleinen Indiskretion \u2013 einige vertrauliche Details aus meiner Personalakte bekannt, in der ich als angeblich \u201eschwieriger\u201c Mitarbeiter gehandelt wurde. Eigenst\u00e4ndiges Denken und zielgerichtetes Vorgehen sowohl bei Planung als auch Ausf\u00fchrung von mit dem Tagesgesch\u00e4ft zusammenh\u00e4ngenden Aufgaben blieben demgem\u00e4\u00df nicht nur unhonoriert, sondern wurden regelrecht sabotiert: Zwei durch nichts zu rechtfertigende und v\u00f6llig aus der Luft gegriffene Abmahnungen im Abstand von nur vier Jahren, beides klare \u201eRetourkutschen\u201c, gegen die ich \u2013 allerdings erfolglos \u2013 Einspruch einlegte, sollten mich \u201edisziplinieren\u201c und wieder auf den \u201eWeg der Tugend\u201c zur\u00fcckf\u00fchren, streng nach der Devise \u201eMaul halten und dem Vorgesetzten niemals zu widersprechen\u201c, auch wenn sich dies mit meinem fachlichen Gewissen nicht vereinbarem lie\u00df. Bekanntlich beginnt nach dem Aussprechen einer Abmahnung eine einj\u00e4hrige Bew\u00e4hrungszeit, w\u00e4hrend der auch der geringste Versto\u00df gegen die verf\u00fcgten Disziplinierungsma\u00dfnahmen mit einer fristlosen K\u00fcndigung geahndet werden konnte. Obwohl ich der Ansicht war, mich st\u00e4ndig auf einer Gratwanderung zwischen Bleibend\u00fcrfen und drohendem Rausschmiss zu bewegen, erfuhr ich erst nach meiner vorzeitigen Pensionierung, dass diese Gefahr in der von mir vermuteten Art und Weise tats\u00e4chlich wohl nie eingetreten w\u00e4re \u2013 denn daf\u00fcr sei meine erbrachte Leistung viel zu gut gewesen sei und man h\u00e4tte auf meine umfangreiche Expertise in einem ausgewiesenen Spezial- oder \u201eNischengesch\u00e4ft\u201c offenbar auch gar nicht verzichten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Ungl\u00fcck nahm seinen Lauf<\/h3>\n\n\n\n<p>Diesbez\u00fcglich blieb ich aber beileibe nicht der einzige, auf dem permanent herumgehackt wurde: Denn auch in einer ganzen Reihe weiterer mir bekannter F\u00e4lle von Kollegen meiner Firma wurde aus ehrlicher Besorgnis um die Prosperit\u00e4t des Unternehmens ge\u00fcbte, konstruktive Kritik als angeblich gesch\u00e4ftssch\u00e4digend, kontraproduktiv und zutiefst destruktiv abgeb\u00fcgelt \u2013 und damit den innovativen Kr\u00e4ften innerhalb des Konzerns nur allzu oft genug das Wasser abgegraben. Beispielsweise wurde mir des \u00d6fteren vorgeworfen, angeblich seit langem erfolgreich angewandte Verfahren st\u00e4ndig ver\u00e4ndern zu wollen. Diesem Vorwurf musste ich allerdings fast immer widersprechen, denn viele \u00e4ltere, von mir innerhalb unseres Arbeitskreises \u00fcbernommene Entwicklungen erwiesen sich als mit dem neuesten Stand der Forschung l\u00e4ngst nicht mehr kompatibel und bedurften anstatt dessen einer dringend erforderlichen umgehenden Revision, sprich: Anpassung an den aktuellen Stand der Entwicklung. Mein Motto war diesbez\u00fcglich stets: Keine Methode, nicht einmal die eigene, kann auf Dauer so gut sein, dass sie nicht einmal einer entsprechenden Aktualisierung bedarf. Diese Erkenntnis ist nun beileibe nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen, sondern eine Lebensweisheit, die sich in unsere Branche zudem aus den jedermann zug\u00e4nglichen neuesten Informationen der Fachliteratur ergab, durch deren Studium ich mich stets auf der H\u00f6he der jeweiligen aktuellen Entwicklung hielt. Dass man sich mit einem derartigen Drang zur Eigeninitiative und unabdingbarer Innovation bei den vielen erbsenz\u00e4hlenden Kleingeistern der oberen \u201eChargen\u201c nicht unbedingt beliebt macht, versteht sich wohl von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Konzernseitig nahm das Ungl\u00fcck seinen Lauf, als das Gesch\u00e4ft mit den Industriechemikalien mittels eines Spin-Offs zu einem eigenen Unternehmen ausgelagert und mit damals 23.000 Besch\u00e4ftigen verselbst\u00e4ndigt wurde, womit es allerdings immer noch der Kategorie \u201eGro\u00dfkonzern\u201c zuzuordnen war. Bald nach dem B\u00f6rsengang traf das Top-Management mit der Akquisition eines \u201eSanierungsfalles\u201c eine folgenschwere Entscheidung, welche dann in letzter Konsequenz etwas mehr als 10 Jahre sp\u00e4ter zu unserer \u00dcbernahme durch einen noch gr\u00f6\u00dferen Konzern f\u00fchren sollte. \u00dcber diese folgenschwere und f\u00fcr unsere erst vor kurzem neu ins Leben getretene Firma existenzielle Akquisition konnte ich damals nur ungl\u00e4ubig den Kopf sch\u00fctteln (f\u00fcr die \u00dcbernahme wurde beispielsweise ein etwa vierfach h\u00f6herer Kaufpreis entrichtet, als dem Wert des akquirierten Unternehmens eigentlich entsprach).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Griff in die M\u00fclltonne<\/h3>\n\n\n\n<p>Allerdings bejubelten sowohl das mittlere als auch das h\u00f6here Management frenetisch diesen Schritt und bewiesen damit in nicht mehr zu \u00fcberbietender Borniertheit, dass sie weder \u00fcber die ethische noch fachliche Reife verf\u00fcgten, ein Unternehmen dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung verantwortungsvoll in die Zukunft zu f\u00fchren. Ein Rundgang der neuen Konzernleitung vor der \u00dcbernahme durch das zu erwerbende Firmengel\u00e4nde, der offenbar nie erfolgte, h\u00e4tte das zu erwartende Desaster rasch offengelegt. Dich stattdessen hielt sich unsere anscheinend v\u00f6llig inkompetente Konzernspitze wohl ausschlie\u00dflich im fein nach \u201eWindow Dressing\u201c herausgeputzten Verwaltungsgeb\u00e4ude auf und lie\u00df sich von der \u201cgeschm\u00fcckten Braut\u201d erfolgreich blenden. Die Firma \u00fcberhob sich damit finanziell \u00fcber Geb\u00fchr und war binnen k\u00fcrzester Zeit dazu verdammt, eines ihrer lukrativsten Gesch\u00e4ftsfelder unter Wert zu verh\u00f6kern, um die drohende Insolvenz abzuwenden. Aber aufgehoben ist ja bekanntlich nicht aufgeschoben \u2013 wie die weitere k\u00fcnftige Entwicklung leider zeigten sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zuge dieses Griffs in die M\u00fclltonne mussten sowohl der CEO als auch der Pr\u00e4sident des Verwaltungsrates den Hut nehmen, beide wohlgemerkt mit \u00fcppigsten Abfindungen f\u00fcr eine absolut unterirdische Leistung. Doch wer auch nur im Entferntesten daran gedacht h\u00e4tte, dass sich danach etwas \u00e4ndern w\u00fcrde, sah sich bald grauenvoll get\u00e4uscht: Auch der neue CEO zog keineswegs die Konsequenzen aus der Misswirtschaft seines Vorg\u00e4ngers, sondern fuhr auf demselben eingefahrenen Gleis fort \u2013 und sorgte, trotz des bereits dramatisch verengten finanziellen Spielraums, mit dem Erwerb einer (wie sich alsbald erweisen sollte) ebenfalls am Tropf des Mutterkonzerns h\u00e4ngenden Firma f\u00fcr etwa 1 Milliarde Schweizer Franken f\u00fcr ein weiteres unr\u00fchmliches Glanzlicht, womit er einen weiteren Nagel in den Sarg des Unternehmens einschlug. Die finanziellen Turbulenzen nahmen stetig zu, der Aktienkurs sank von einem H\u00f6chststand von zwischenzeitlich 215 Franken einmal sogar auf unter 30 Franken und pendelte sich dann \u2013 als wir schlie\u00dflich selbst \u00fcbernahmereif waren \u2013 auf knapp \u00fcber 30 Franken ein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Begleichung \u201calter Rechnungen\u201d<\/h3>\n\n\n\n<p>Womit ich beim absoluten Clou angelangt bin: Der zu \u00dcbernahme unserer Firma bereite Gro\u00dfkonzern bot den Aktion\u00e4ren 50 Franken pro Aktie an, beging dabei allerdings den fatalen Fehler, nicht noch drei Stunden (!) auf die neuesten Nachrichten von der New Yorker Wall Street gewartet zu haben, die von der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers k\u00fcndeten. H\u00e4tten sie gewartet, dann h\u00e4tte sich das \u00dcbernahmeangebot aufgrund global einst\u00fcrzender Kurse nat\u00fcrlich drastisch verringert. Nun, doch das Angebot stand und lie\u00df sich nicht mehr so ohne weiteres mit einem Federstrich vom Tisch wischen. Logischerweise geriet der CEO des \u00fcbernehmenden Konzerns daraufhin enorm unter Druck, rechtfertigte sich allerdings mit dem das Statement, dass es sich bei unserem \u00fcbernommenen Unternehmen ja um ein Business handeln w\u00fcrde, welches auf mehreren T\u00e4tigkeitsfeldern eine weltweit f\u00fchrende Stellung bes\u00e4\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter diesen Vorzeichen war jedoch von Vornherein damit zu rechnen, dass der \u2013 offensichtlich deutlich \u00fcberh\u00f6hte \u2013 Kaufpreis auf Kosten der Besch\u00e4ftigten kompensiert werden w\u00fcrde, was schlussendlich auch eintrat: Innerhalb von rund 15 Monaten wurden im Zuge eines regelrechten Kahlschlags etwa 30 Prozent der Besch\u00e4ftigten unserer geschluckten Firma abgebaut \u2013 darunter viele im Zuge von vorzeitigen Pensionierungen, welche ab einem Alter von 57 Jahren griffen. Unter diese Regelung fiel auch meine Person (ich war damals 60 Jahren alt), man sich zumindest eines permanenten \u201eQuertreibers\u201c entledigte. Wer allerdings darauf gewettet h\u00e4tte, dass unter den \u00fcbrigen, nicht unter diese Regelung fallenden Entlassenen wenigstens die \u201efaulen Eier\u201c und unf\u00e4higen und unproduktiven Nieten aussortiert w\u00fcrden, sah sich bald bitter get\u00e4uscht: Da die Entscheidung dar\u00fcber, wer bleiben durfte und wer gehen musste, ausschlie\u00dflich beim Management unserer \u00fcbernommen Firma lag und nicht, wie es eigentlich sein sollte, beim Akquisitor, wurden im Zuge der Begleichung \u201calter Rechnungen\u201c nicht etwa die Leistungsverweigerer, sondern reihenweise \u201eLeistungstr\u00e4ger\u201c ausgemustert, deren einziges Vergehen es gewesen war, in der Vergangenheit hin und wieder kritische Bemerkungen zum falschen Zeitpunkt und am falschen Ort get\u00e4tigt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Destruktive Seilschaften<\/h3>\n\n\n\n<p>Und die Moral von der Geschichte? Was erlebt habe, war kein Einzelfall; es ist systematisch. Und je gr\u00f6\u00dfer der Konzern, desto enger die Leine, an der die Besch\u00e4ftigten gef\u00fchrt werden. Konstruktive Kritik an der Linie wird nicht nur als Renitenz verfolgt, sondern geradezu als \u201eHochverrat\u201c geahndet. Als ad\u00e4quate Mittel hierzu dienen auch sogenannte \u201eschriftliche Verweise\u201c, im Volksmund auch als Abmahnungen bekannt. Zu schlechter Letzt sollen in diesem Zusammenhang auch nicht die in vielen dieser Unternehmensstrukturen existierenden Seilschaften unerw\u00e4hnt bleiben, die sich vertikal entlang von Hierarchien oder auch horizontal im Lauf der Zeit herausbilden und ein wahres Eigenleben entwickeln, so dass man als kritisch denkender Mensch gar nicht anders kann als den Eindruck zu gewinnen, eine Niete schleuse hier die andere ein, um letztendlich nicht v\u00f6llig allein als \u201eLoser\u201c dazustehen; streng nach dem Motto: Blo\u00df keine Person einstellen, die wom\u00f6glich kl\u00fcger ist, damit der ganze Schwindel und die eigene Unf\u00e4higkeit am Ende noch auffliegt. Wie in Seilschaften allgemein \u00fcblich, verbindet alle daran Teilnehmenden der eiserne Wille des \u00dcberlebens, so dass deren Mitglieder wie Kletten aneinander h\u00e4ngen, damit keiner abst\u00fcrzt und falls doch, in einer Kettenreaktion auch die restlichen unweigerlich mit in die Tiefe gerissen werden. Die so erzeugte Anreicherung von Mittelma\u00df oder Inkompetenz ist eines der gr\u00f6\u00dften Effizienzprobleme in Unternehmen und eine gro\u00dfe Belastung f\u00fcr Betriebsklima und Kostenapparat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass diese auf den ersten Blick f\u00fcr viele Leser vielleicht nur schwer glaubhaften Beobachtungen auf eigenen Erfahrungen beruhen und nicht wahl- oder gewissenlos aus der Luft gegriffen sind, d\u00fcrfte sp\u00e4testens bei der Lekt\u00fcre des wohl besten Kompendiums zu diesem Thema deutlich werden: Das Buch \u201eB\u00f6cke als G\u00e4rtner \u2013 Wie Manager die Unternehmenskultur zerst\u00f6ren\u201c des Autors I. N. Sider (es handelt sich um ein Pseudonym) aus dem Jahre 1993 verdient das Pr\u00e4dikat \u201csehr wertvoll\u201d und ist zudem so spannend zu lesen wie ein Krimi. Obwohl ich leider aus urheberrechtlichen Gr\u00fcnden nicht allzu viel daraus zitieren darf, m\u00f6chte ich mit der von mir in eigenen Worten wiedergegebenen Aussage des sinngem\u00e4\u00dfen Autors schlie\u00dfen: Als Ergebnis der Fehlsteuerung bei der Besetzung der Managerpositionen betreten Chefs die B\u00fchne der Konzerne, welche Unf\u00e4higkeit und T\u00fcchtigkeit in einer Person vereinen und damit schon so manches Betriebsklima zerst\u00f6rt und f\u00e4hige Mitarbeiter zur K\u00fcndigung bewogen haben. Deshalb: Schauen Sie sich die aktuellen Konzernlenker unseres Landes einmal n\u00e4her an und bilden Sie sich gerne ein unabh\u00e4ngiges Urteil!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Klaus Ri\u00dfler Vor etwa 25 Jahren fiel mir w\u00e4hrend einer Fahrt mit dem ICE eine dort ausgelegte Brosch\u00fcre des Jahresgesch\u00e4ftsberichts der BASF in die Hand. 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